Druckschrift 
10 : Abth. 2, [Nachgelassene Werke] ; Bd. 2 (1896) Schriften und Entwürfe 1872 bis 1876 : Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen; Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne; Der Philosoph; Die Philosophie in Bedrängniss; Nachträge und Vorarbeiten zu den Unzeitgemässen Betrachtungen; Prometheus; Einzelne Gedanken und Entwürfe
Entstehung
Seite
422
Einzelbild herunterladen
 

ist eine Art Metaphysik der Liebe; sie ist ein Strebenund Wollen in einem Reich, welches dem gewöhnlichenBlick wie das Reich des Nichtwollens erscheint, ein sichBaden im Meere der Vergessenheit, ein rührendes Schatten-spiel vergangener Leidenschaft.

3. Zum neunten Abschnitt.

1.

Der rhythmische Sinn im Grossen. Die Anlagejedes wagnerschen Dramas ist von einer Einfachheit,welche noch grösser ist als die der antiken Tragödie,und dabei ist die dramatische Spannung die höchste.Dies liegt in der Wirkung der grossen Formen, ihrerGegensätze, ihrer einfachen Bindungen, das ist das Antikean dem Bau dieser Dramen. Man durchdenke die Ein-leitungen der drei einzelnen Acte, das Verhältniss derdrei Acte zu einander: hier zeigt sich eine schlichteGrösse des Baumeisters, welche in der modernen Dich-tung überhaupt nicht ihres Gleichen hat. Die Spannungberuht auf den Höhenverhältnissen der Leidenschaften, nie-mals auf dem Effect des neuen und überraschenden Schau-spiels. Ich wünschte mir den Grad von rhythmischerAugen-Begabung, um über das ganze Nibelungenwerkin gleicherweise hinschaun zu können,wie es in einzelnenWerken mir mitunter gelingt: aber ich ahne da noch einebesondere Gattung rhythmischer Freuden des höchstenGrades. Die Rheintöchterscene mit Siegfried im vorletztenAct des letzten Dramas und die Rheintöchterscene mitAlberich im ersten Act des ersten Dramas; der Liebes-jubel der sich Findenden, Siegfrieds und Brunnhildens,