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10 : Abth. 2, [Nachgelassene Werke] ; Bd. 2 (1896) Schriften und Entwürfe 1872 bis 1876 : Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen; Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne; Der Philosoph; Die Philosophie in Bedrängniss; Nachträge und Vorarbeiten zu den Unzeitgemässen Betrachtungen; Prometheus; Einzelne Gedanken und Entwürfe
Entstehung
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3 -

In Betreff der Religion bemerke ich eine Er-müdung, man ist an den bedeutenden Symbolen endlichmüde und erschöpft. Alle Möglichkeiten des christlichenLebens, die ernstesten und lässigsten, die harm- und ge-dankenlosesten und die reflectirtesten sind durchprobirt,es ist Zeit zur Erfindung von etwas Neuem, oder manmuss immer wieder in den alten Kreislauf gerathen: frei-lich ist es schwer, aus dem Wirbel herauszukommen,nachdem er uns ein paar Jahrtausende herumgedreht hat.Selbst der Spott, der Cynismus, die Feindschaft gegendas Christenthum ist abgespielt; man sieht eine Eisflächebei erwärmtem. Wetter, überall ist das Eis zerrissen,schmutzig, ohne Glanz, mit Wasserpfützen, gefährlich.Da scheint mir nur eine rücksichtsvolle, ganz und garziemliche Enthaltung am Platze: ich ehre durch sie dieReligion, ob es schon eine absterbende ist. Mildern undberuhigen ist unser Geschäft, wie bei schweren hoffnungs-losen Kranken; nur gegen die schlechtesten, gedanken-losen Pfuscher-Ärzte (die meistens Gelehrte sind) mussprotestirt werden. Das Christenthum ist sehr bald fürdie kritische Plistorie, das heisst für die Section reif.

4 -

Wer die antike Moral kennt, wird sich wundern,wie viel damals moralisch genommen wurde, was jetztmedicinisch behandelt w r ird, wie viele Störungen der Seele,des Kopfes damals dem Philosophen, jetzt dem Arzt zurHeilung übergeben werden, wie besonders die Nervenund ihre Beruhigung jetzt durch Alkalien oder Narkotikabedacht werden. Die Alten waren viel massiger und ab-sichtlich massiger im täglichen Leben: sie wussten sich