Druckschrift 
10 : Abth. 2, [Nachgelassene Werke] ; Bd. 2 (1896) Schriften und Entwürfe 1872 bis 1876 : Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen; Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne; Der Philosoph; Die Philosophie in Bedrängniss; Nachträge und Vorarbeiten zu den Unzeitgemässen Betrachtungen; Prometheus; Einzelne Gedanken und Entwürfe
Entstehung
Seite
195
Einzelbild herunterladen
 

195

Sieht man jene Kraft näher an, so ist auch hier keinkünstlerisches ganz freies Erfinden: das wäre etwas Will-kürliches, also Unmögliches. Sondern die feinsten Aus-strahlungen von Nerventhätigkeit auf einer Fläche ge-sehn: sie verhalten sich wie die chladnischen Klangfigurenzu dem Klang selbst: so diese Bilder zu der daruntersich bewegenden Nerventhätigkeit. Das allerzarteste sichSchwingen und Zittern! Der künstlerische Process istphysiologisch absolut bestimmt und nothwendig. AllesDenken erscheint uns auf der Oberfläche als willkürlich,als in unserm Belieben: wir bemerken die unendlicheThätigkeit nicht.

Einen künstlerischen Vorgang ohne Gehirn zudenken ist eine starke Anthropopathie: aber ebenso stehtes mit dem Willen, der Moral u. s. w. Das Begehren istdoch nur eine physiologische Ubertät, die sich entladenmöchte und einen Druck bis zum Gehirn ausübt.

Die sogenannten unbewussten Schlüsse sind zu-rückzuführen auf das alles aufbewahrende Gedächtniss,das Erfahrungen paralleler Art darbietet und somit dieFolgen einer Handlung schon kennt. Es ist nicht Anti-cipation der Wirkung, sondern das Gefühl: gleiche Ur-sachen gleiche Wirkungen, hervorgebracht durch ein Ge-dächtnissbild.

9 -

Die unbewussten Schlüsse erregen mein Bedenken :es wird wohl ein Übergehen von Bild zu Bild sein;das letzterreichte Bild wirkt dann als Reiz und Motiv.Das unbewusste Denken muss sich ohne Begriffe voll-ziehn: also in Anschauungen.

Dies ist aber das Schlussverfahren des beschaulichen

13