wenig gegen diesen allgemeinen Satz. Sokrates hat vonvornherein an seine Verurtheilung geglaubt, sich (durchdas Daimonion verhindert) nicht zur Vertheidigung vor-bereitet. Er glaubte nämlich, es sei der rechte Zeitpunktfür ihn zu sterben; wenn er länger lebe, so werde seinAlter ihm seine gewohnte Lebensweise unmöglich machen;sodann der Glaube, durch einen solchen Tod eine ein-drucksvolle Lehre zu geben. So muss man seine gross-artige Vertheidigungsrede betrachten: er spricht vor derNachwelt. Wie merkwürdig die ganz geringe Majori-tät, mit der er verurtlieilt wurde! Bei 557 Richtern etwa6—7 über die Hälfte! Wahrscheinlich empfanden sie vorallem den Stachel der Beleidigung des Gerichtshofs.
Sokrates hat absichtlich jenen Spruch über sich ge-bracht. Er wusste, was er that: er wollte den Tod. Erhatte die herrlichste Gelegenheit sein Übergewicht übermenschliche Furcht und Schwachheit zu zeigen und auchdie Würde seiner göttlichen Mission. Grote sagt, der Todnahm ihn in voller Grossartigkeit und Glorie hinweg, wiedie Sonne der Tropenländer untergeht. Die Distincte sindüberwunden: die geistige Helligkeit regiert das Leben undwählt den Tod: alle Moralsysteme des Alterthums bemühnsich, die Höhe dieser That zu erreichen oder zu begreifen.Sokrates als Beschwörer der Todesfurcht ist der letzteTypus des Weisen, den wir kennen lernen: der Weise alsBesieger der Instincte durch Weisheit. Damit ist die Reihevon originalen und typischen Weisen erschöpft, jetztkommt ein neues Zeitalter der Weisen, mit Plato anhebend:die complicirteren Charaktere, aus der Vereinigung derStröme, die von den originalen und einseitigen Weisenherströmen, gebildet.