68
Sich über eine solche Argumentation hinwegzu-setzen, wurden jene Gegner der eleatischen unbewegtenEinheit durch ein aus der Sinnlichkeit stammendes Vor-urtheil verführt. Es scheint so unwiderleglich, dass jedeswahrhaft Seiende ein raumfüllender Körper sei, einKlumpen Materie, gross oder klein, aber jedenfallsräumlich ausgedehnt: so dass zwei und mehrere solcherKlumpen nicht in einem Raume sein können. Unterdieser Voraussetzung nahm Anaxagoras wie später De-mokrit an, dass sie sich stossen müssten, wenn sie inihren Bewegungen auf einander geriethen, dass sie sichden gleichen Raum streitig machen würden, und dassdieser Kampf eben alle Veränderung verursache. Mitandern Worten: jene ganz isolirten, durch und durchverschiedenartigen und ewig unveränderlichen Substanzenwaren doch nicht absolut verschiedenartig gedacht, son-dern hatten sämmtlich, ausser einer specifischen, ganzbesonderen Qualität, doch ein ganz und gar gleichartigesSubstrat, ein Stück raumfüllender Materie. In der Theil-nahme an der Materie standen sie alle gleich und konntendeshalb auf einander wirken, das heisst sich stossen.Überhaupt hieng alle Veränderung ganz und gar nichtab von der Verschiedenartigkeit jener Substanzen, sondernvon ihrer Gleichartigkeit, als Materie. Es liegt hier in den An-nahmen des Anaxagoras ein logisches Versehen zu Grunde:denn das wahrhaft an sich Seiende muss gänzlich unbe-dingt und einheitlich sein, darf somit nichts als seine Ursachevoraussetzen — während alle jene anaxagorischen Sub-stanzen doch noch ein Bedingendes, die Materie, habenund deren Existenz bereits voraussetzen: die Substanz„Roth“ zum Beispiel war für Anaxagoras eben nicht nurroth an sich, sondern ausserdem, verschwiegenerweise,ein Stück qualitätenloser Materie. Nur mit dieser wirkte