38
diger Laune. Sobald es aber baut, knüpft fügt undformt es gesetzmässig und nach inneren Ordnungen.
So schaut nur der ästhetische Mensch die Welt an,der an dem Künstler und an dem Entstehen des Kunst-werks erfahren hat, wie der Streit der Vielheit doch insich Gesetz und Recht tragen kann, wie der Künstlerbeschaulich über und wirkend in dem Kunstwerk steht,wie Nothwendigkeit und Spiel, Widerstreit und Har-monie sich zur Zeugung des Kunstwerkes paaren müssen.
Wer wird nun von einer solchen Philosophie nocheine Ethik, mit den nöthigen Imperativen „Du sollst“verlangen oder gar einen solchen Mangel dem Heraklitzum Vorwurf machen! Der Mensch ist bis in seine letzteFaser hinein Nothwendigkeit und ganz und gar „unfrei“,— wenn man unter Freiheit den närrischen Anspruch,seine essentia nach Willkür wie ein Kleid wechseln zukönnen, versteht, einen Anspruch, den jede ernste Philo-sophie bisher mit dem gebührenden Hohne zurückgewiesenhat. Dass so wenig Menschen mit Bewusstsein in demLogos und in Gemässheit des alles überschauenden Künstler-auges leben, das rührt daher, dass ihre Seelen nass sindund dass des Menschen Auge und Ohr, überhaupt ihrIntellect, ein schlechter Zeuge ist, wenn „feuchterSchlamm ihre Seelen einnimmt“. Warum das so ist,wird nicht gefragt, ebenso wenig, warum Feuer zuWasser und Erde wird. Pleraklit hat ja keinen Grund,nachweisen zu müssen (wie ihn Leibniz hatte), dassdiese Welt sogar die allerbeste sei, es genügt ihm, dasssie das schöne unschuldige Spiel des Äon ist. DerMensch gilt ihm sogar im allgemeinen als ein unver-nünftiges Wesen: womit nicht streitet, dass sich in allemseinen Wesen das Gesetz der allwaltenden Vernunfterfüllt. Er nimmt gar nicht eine besonders bevorzugte