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Hugo Riemann.
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giebt, also von ausdrucksvollem Spiel oder Gesang. Beide sindzwar in sofern zusammenfallend, als der reproducirende Künstlersein höchstes Ziel darin sehen soll, das Bild, welches der Komponistin den Stempel geschnitten, möglichst getreu abzudrücken — alleinganz so einfach ist das doch nicht, und der Vergleich sängt bei nä-herer Betrachtung an, erheblich zu hinken. Die Notenschrift ist kei-neswegs ein so vollkommen adäquates Ausdrucksmittel der musika-lischen Gedanken, daß sich ihre Verwandlung in klingende Musikmit dem Abdrucke einer Gemme in Wachs vergleichen ließe; es hießesehr gering vom reproducirenden Künstler denken, wollte man inseiner Wiedergabe nichts anderes sehen als eine mechanische Verrich-tung. Der Vortrag eines musikalischen Kunstwerks ist vielmehr zumTheil erst eine Schaffung desselben, weßhalb man recht bezeichnendden erstmaligen Vortrag eines Werkes dessen Kreirung nennt; esgilt dabei, eine unendliche Zahl kleiner Nüancirungen des Tempos,der Tonstärke, selbst der Tonfärbung am rechten Orte anzubringen,für welche die Notenschrift keine Zeichen hat. Das in der Noten-schrift fertiggestellte musikalische Kunstwerk ist immer nur Zeich-nung ; erst die stilgerechte klingende Ausführung schafft es zum far-benwarmen Gemälde um. Der vollentwickelte Meister der Kom-position weiß zwar genau, was er will, und das Werk lebt vorseinem geistigen Ohre bis in das feinste Geäst der Figuration; aberselbst wenn er all' die kleinen Schattirungen, welche erst das rechtemusikalische Leben ausmachen, in der Notenschrift ausdrücken könnte,so würde er's nicht wollen, um nicht den reproducirenden Künstlerzum Automaten zu degradiren: lieber läßt er sich kleine Abweichun-gen von seinen eigensten Intentionen gefallen, als daß er auf denGewinn verzichtet, der aus einer nachempfundenen Reproduktionentspringt.
Der rechte Virtuose — gleichviel ob Sänger oder Spieler einesSoloinstrumentes oder Dirigent eines Orchesters — nimmt dasKunstwerk ganz in sich auf und schafft es neu, erweckt es zu neuemLeben; das solchergestalt vor uns hintretende Werk ist immer wiederein anderes, wie nie zwei Menschen oder zwei Blumen oder zweiBlätter einander völlig gleich sind trotz noch so frappanter Ähnlich-keit. Die Natur wiederholt sich nicht; das durch den Vir-tuosen belebte Kunstwerk ist aber ein Stück Natur, etwas organischgebildetes, aus innerer Nothwendigkeit so oder so gewordenes. Wie