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Giovanni Pierluigi da Palestrina und die Gesammt-Ausgabe seiner Werke
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31^ Giovanni Pierluigi da Palestrina nnd die Gesammtausgabe seiner Werke. 119

andere ist, entgegengesetzt bloß in simultaner Bewegung bestehend,für alle Stimmen, unserm Choral ähnlich; hier sind die Stimmenwohl, wie sich von selbst versteht, stets kantabel, aber die Bedingungder Melodie ist hier, wie dort der Harmonie, mehr eine negative,durch Ungehöriges nicht störend zu werden. Die dritte dann dieVerbindung beider genannten zum Besten und Schönsten, was esin dieser Sphäre wohl geben kann und die wohl eben den Palestrinaso hoch für alle Zeiten hingestellt hat: in diesem Stile ist die Nissa,Uapas Vlaioolli geschrieben. Sehr schöne Sachen giebt es aber auchim zweiten Stile, z. B. das Impiopsiia, was mich immer vonGrund aus erquickt in seiner Simplizität."

Die Hindeutung Hauptmann's auf den Choral legt es nahe,den größten Komponisten der evangelischen Kirche, Sebastian Bach,dem der katholischen, unserem Meister, gegenüber zu stellen. Gemein-schaftlich ist beiden, daß sie als Diener ihrer Kirchen den Grundtonihrer Gesänge dem Kultus derselben entnehmen, Palestrina demgregorianischen, Bach dem evangelischen Choräle. Aber trotz dergleichen Grundlage (manche Melodie der römischen Kirche ist ja be-kannterweise von der evangelischen ausgenommen worden) sind den-noch die Resultate grundverschiedene. Palestrina legt gewöhnlich dieKirchenweise in die Mittel-, Bach in die Oberstimme, dadurch wirdsie bei elfterem gedeckt, bei letzterem gehoben. Man vergegenwärtigesich im ersten Satze der Matthäus-Passion (Bach's Werke IV, 7)die Einführung der Melodie:O Lamm Gottes unschuldig". Pa-lestrina war eine derartige Einführung des Chorales, die auchschwerlich in den Kultus der katholischen Kirche passen würde, fremd,deßhalb ist es ihm unmöglich, die gewissermaßen verschleierten Weisenso hervorheben zu können, wie Bach es bei obengenanntem Beispielethut, in welchem wir den Ausdruck einer freieren kirchlichen, imProtestantismus wurzelnden Gesinnung erblicken dürfen. Verglei-chen wir speciell den Backfischen Choral mit solchen Sätzen Pa-lestrina's, die ebenfalls in der ersten Gattung des Kontrapunktesgeschrieben sind, also z. B. dem Olorm und Orscko der VlissnLnpne Llaroslli, so finden wir auf der einen Seite sprudelndesLeben, auf der andern stoische Ruhe.

Die polyphone Schreibweise beider Meister ist insofern eineverschiedenartige, als bei Bach die real geführten Stimmen sicharabeskenartig um eine harmonische Basis winden, die bei Palestrina