26
C. H. Bitter.
^26
ihn zu deren Komposition veranlaßt habe. Er wußte sehrwohl, daß diese Oden zur Musik nicht so bequem seien,als Lieder für das Herz, mit anderen Worten, er wollte sichdurch die sentimentale Richtung der Poesie und der Musik nichtabhalten lassen, der ernsteren gerecht zu werden. Er hatte hiebeidas ganze Lied ins Auge fassen müssen und hatte daher denWortlaut im Einzelnen weniger berücksichtigen können. Dies warein Mangel, den er sehr wohl gefühlt hat, den zu vermeiden aberdie Kindheit dieses Kunstzweiges ihm noch nicht gestattete. Ersetzt hinzu, daß er den Melodien die Harmonien und Ma-nieren beigefügt habe, um sie nicht der Willkür steiferGeneralbaßspieler zu überlassen.
Der tiefe Inhalt und die abgerundete Schönheit in der Form,welche diese Lieder zeigen, bewährt sich noch jetzt, nachdem weit über100 Jahre glanzvoller Entwickelung und reicher Vervollkommnungseit ihrem Entstehen über ihnen dahin gegangen sind. Nur Wenigesaus der großen Anzahl dieser (54) Lieder darf als unbedeutendund veraltet bezeichnet werden; das Meiste ist in Melodie, Dekla-mation und Harmonie voll von dem treffendsten Ausdruck. ImJahre 1764 gab Bach fernere 12 geistliche Lieder (deren Textvon G ellert war) und bald darauf seine Melodien zu den Stol-berg'scheu Liedern heraus und schloß diesen Theil seiner Thätig-keit für Berlin hiemit in würdig-glänzender Weise ab. In Ham-burg setzte er dieselbe in gesteigerter Vollendung fort. SeineCramer'scheu Psalmen erschienen 1773. Auch hier noch vermei-det er das völlige Durchkomponiren, obschon diese Psalmen, dieim Versmaß oft mehr als ein Metrum haben, ihn hieraufhätten hindrängen können und, wie er selbst sagt, bei einer weit-läufigeren Ausarbeitung ungleich mehr gewonnen habenwürden. Aber er glaubte, daß er den Liebhabern, die in derAusführung noch nicht stark sind, die Zumuthung dieser tiefe-ren Arbeit nicht stellen dürfe. Doch sind in dieser SammlungLieder von wahrhaft großartigem Gepräge mit im höchsten Stilkoncipirter Begleitung.
Endlich erschienen 7 Jahre später (1780) in Hamburg Sturm'sGeistliche Gesänge mit Melodien zum Singen beim Klavier,welche neben den Vorzügen der früheren Sammlungen an Gedanken-tiefe, an Wärme der Empfindung und an harmonischem Reize sich