15) Die Symphonie in ihrer historischen Entwickelung. 79
seine anders gefärbte Wiederholung. Im Allgemeinen haben Beet-hoven's Themas gegenüber denen seiner Vorgänger mehr Charakterund Ernst, Alles gemäß seiner Persönlichkeit, die, nicht ohne Rauhig-keit und Ecken, doch eben gedrungener, mächtiger war als die dereigentlichen Österreicher Haydn und Mozart.
Daß das Thema für den Charakter des ganzen Satzes bestim-mend sein müsse, ist ein späterer Grundsatz, von Mozart erst inseinen letzten Symphonien durchgeführt, von Beethoven aber alsselbstverständlich erfaßt und zur herrlichsten Kunstwahrheit gemacht.Früher begnügte man sich verschiedene Motive von nicht zu sehrkontrastirender Art nebeneinander zu stellen und in reizvoller Ab-wechselung aufeinander folgen zu lassen; im sogenannten Durchsüh-rungstheile wurde dann eines derselben, gleichviel welche Stelle esursprünglich eingenommen, wenn es sich nur zur Durchführung be-sonders zu eignen schien, verarbeitet, und zwar meist in einer sehrmäßigen Anzahl von Takten — etwa in den Baß gebracht und inkanonischer Weise behandelt. Bei Beethoven wird geradezu Allesdurchgesührt, das Thema zumeist, aber auch die andern irgendwieauftretenden Gedanken; und zwar nicht erst im „Durchführungs-theile", sondern schon von Anfang an — in jenem werden nur durchkontrapunktische und modulatorische Mittel noch größere Steigerun-gen hervorgebracht. Zugleich aber herrscht ein großartiges Principder Formgestaltung, wo Alles an seinem richtigen Platze stehen,Alles gegen einander abgewogen sein muß, schließlich aber dasHauptthema allem Andern überlegen auftritt. Die Zahl der Motive,welche auf diese Weise in einem ersten Symphoniesatze sich einfandenund zur Geltung brachten, hatte sich dabei gegen früher sehr ver-mehrt; dadurch wurde der ganze Organismus reicher, vielseitiger,allerdings aber auch die Erfüllung der Forderung schwieriger, indieser Vielgestaltigkeit doch die Einheit herzustellen, nicht in bloßeBuntheit auszuarten. Beethoven erscheint hierin besonders groß,aber seine Sätze mußten dabei auch an Ausdehnung bedeutendzunehmen, die frühere Knappheit konnte nicht aufrecht erhaltenwerden. —
Zweiter Symphoniesatz ist gewöhnlich das langsame Stück:Andante oder Adagio. Anfangs ganz kurz, oft, wie bei PH. Ein.Bach, nur als Intermezzo behandelt, strebt auch dieses Stück inseiner geschichtlichen Entwicklung nach größerer Ausdehnung einer-