Leidenschaften. 671
Der Philosoph Sokrates hak ganz anders gedacht, alsder Verfasser der philosophischen Gedanken. Dieser Erzva-ter der sittlichen Philosophie bey den Griechen ist allezeit fürden Weisesten der Menschen erkannt worden; man hat nie,malS Anstand genommen, ihn unter dis außerordentlichenMenschen zu sehen: und man sehe, was von ihm Cicero erzäh-let. * „ Ein gewisserZopyrcher dieGemüthüart emevMenschen„ ans dem Gesichte zu kennen sich rühmte, sah den Gokrar„ tes in einer großen Gesellschaft. Er betrachtete ihn mit„ Aufmerksamkett, und sagte alsbald: Dieser Mensch stecket„ voller Laster und böser Neigungen. Die ganze Gesellschaft„ fieng an, über den Ausspruch des Kenners zu lacken. Aber„ Sokrates behauptete, Zopyr habe ganz gut geurtheiltt,„ und sagte, daß er wirküch allen diesen Lastern und allen„ diesen Leidenschaften ergeben gewesen sey, die Zopyr beob<„ achret hätte; aber daß er sie mit Hülfe der Weisheit und„ der Vernunft besieget habe „ . Also verlieren die außeror-dentlichen Männer ihre Würde nicht, wenn sie ihre Leiden-schaften unter ihre Herrschaft bringen.
Der Zwang vernichtet die Größe und die Rraft derNatur. Aber wenn diese Größe und diese Kraft große Un-gerechtigkeiten , Diebstähle, Todrschlage, Verwüstungen,wie bey den Ehrgeizigen und Kriegseroberern, oder großeAusschweifungen, und oft große Verbrechen, wie bey denVerliebten, hervorbringt, ist wohl alsdann der Zwang nichtnothwendig, und wird er nicht von der Vernunft gebotheu ?Das Beyspiel, welches der Schwäher aufdie Bahne bringt,spricht wider ihn sechsten. Der Baum hat der Sorgfaltdes Gärtners vonnökhen. Man muß daran schneiden, zuRechte rächten, binden und zwingen, damit der Baum or-dentlich
* Tujcul. Frag. 4. B>