Druckschrift 
1 (1777) A - L
Entstehung
Seite
669
Einzelbild herunterladen
 

Leidenschaften. 66-

werden oft dadurch weit kühner und weit verwäge,ner.

Wird man jene Dinge groß nennen, die anständig, tu,gendhaft / und von der Vernunft gutgeheißen sind ? Aberwäre es nicht lächerlich, wenn man sagte: Die Nebenbuhllerinnen der Vernunft erheben die Seele zu Thaten, welchedie Vernunft zuläßt, annimmt, und billiget ? Sagen Sieuns dann, Philosoph! was für große Dinge sind es, wo,zu die Seele von den Leidenschaften erhoben wird?

Ohne die Leidenschaften giebt es in den Sitten nichtsErhabnes mehr. Erhabnes in den Sitten! Der Ausvruckist neu, und verdienet bemerket zu werdm. Man wird alsosagen können: eine erhabne Aufrichtigkeit, eine erhabneKeuschheit, eine erhabne Sanftmurh, u. s. w. Aber laßtuns den Ausdruck in seinem Werthe nehmen. O die erhab,nen Sitten, welche die Ruhmbegierde, die Mutter so vielerLaster; oder der Hochmuth, der die Menschen so thöricht undso verhaßt machet; oder die Galanterie, die so viele Aus-schweifungen begehen heißt; oder der Geiz, der sich erniedrigt,verächtlich macht, und der zu allem fähig ist, Hervorbrin-gen werden!

Ohne sie giebt es in den Werken nichts Erhabnesmehr. Wir bewundern die Aeneis des Virgils, die Dr-esden des Titus Livius, die Reden und philosophischenWerke des Cicero, die Predigten Bourdalouens, die Lei-chenreden Vossuets. Da trifft man wahrhaft Erhabnesan. Es müssen dann diese großen Männer von der Leiden-schaft beseelet gewesen seyn. Zum wenigsten ist dieß die Fol-gerung der schönen Gedanken unsers Philosophen.

III.