Leidenschaften. 66 r
Gattung Erbarmens und Mitleidens gegen jeden, der sich indiesem Falle befindet, wenn man ihn bedauren, entschuld»gen, und misbilligen will, nicht anders, als: Die Leiden,schafr übernimmt ihn; die Leidenschaft verblendet ihn; dieLeidenschaft treibt ihn an, also zu handeln, also zu reden.Dieß ist das gelindeste Urtheil, das man von den Leiden,schäften fället.
Aber dieß ist nicht alles. Man muß noch beobachten,daß man Lust hat, alle Mittel zu versuchen, welche zur Echal,tung einer Sache, die man heftig verlanget, beyhelfen mö-gen. Das Laster und die Ungerechtigkeit können dann nichtallein in die Gegenständen der Begierden, sondern auch indie Mittel einschlagen, die man anwendet, um diese Gegen«stände zu erlangen. Die Hiße und die Aufwallung desBlutes legen der Seele eine Stärke bey. Diese Stärkekömmt von Gotte, und ist das einzige Ding, welches manan den Leidenschaften für gut und löblich erkennen kann. Aberin den Gegenständen, worauf sie abzielen, und in den Mit,teln, die sie brauchen, haben öfter das Laster und die Un-gerechtigkeit , als die Vernunft und die Billigkeit Statt:und die Jahrbücher der ganzen Welt biethen davon nur all,zu viele Beyspiele an die Hand, wie wir es bald sehen wer,den. Es empfehlen auch alle Gesetzgeber, alle Weise, alle,die Gebothe von den Sitten gemacht haben, dem Menschen,der tugendsam, gerecht, untadelhaft leben will, daß er sei,ne Leidenschaften bemeistern und unterdrücken solle. DieKenntniß der menschlichen Herzens, und die Erfahrung lei,sten uns für die Weisheit dieser Gebothe und dieser RächeBürgschaft.
Aus allem, was wir ißt vorgetragen haben, kann man,i. sich einen richtigen Begriff machen, was die Leidenschaft
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