Druckschrift 
1 (1777) A - L
Entstehung
Seite
658
Einzelbild herunterladen
 

6s8

XXIII.

Leidenschaften.

eynahe alle Philosophen nach der Mode haben sich als

Fürsprecher und Lobredner der Leidenschaften aufge»worftn. Dich ist vieleicht der einzige Punkt, wo sie in denGrundsätzen, nach welchen sie sich richten, zusammMreffen.Die Religion ist für sie von keinem W rrhe; das Evange,lium miöfällt ihnen sehr; sie streben hitzig nach de!n Ver-gnügen , und sind ganz von sich sechsten eingenommen; dieVernunft ist bey ihnen nur das Dienstmägdchen der Leiden»schäften; und man kann sie an der Schilderung jener Aus-schweifenden , die uns Salomon in dem Buche der Weis»heit abbildet, sehr lercht erkennen: ^ Laßt uns der Gütergenießen, sagen sie, die uns diese Welt anbeut; laßtuns die Weine und die kostbarsten Wohlgerüche brauchen,und mir Rosen uns krönen: alles soll zu unserm Vergnü»gen beyrragen. Dreß ist unser Anrheil und unser Loos.Die Stärke soll unsre einzige Richtschnur seyn; denn al,leS , was schwach ist, tauget zu nichrs; u. s. w.sprechen auch diese Herren allezeit nur der Wohllust, derHoffart, der Unabhängigkeit, und dem Vergnügen dasWort. Dieß ist ihre ganze Philosophie, und ihre ganzeWeisheit.

Nun eben diese Philosophie und diese Weisheit wollenwir vor den Richtersiuhl einer lautern, richtigen, und auf,geklärten Vernunft fodern. Zu diesem Ende werden wirAnfangs die Begriffe bestimmen, von dem, was man durchLas Wocc: Leidenschaften, verstehen soll; nachmals wollen