6l8 Höchstes Gut.
im Leiden. Denn, wie es Cicero sehr gut erkläret, * derSchmer; ist in sich selber eine traurige, harre, bittere Sa«che, die man ungern überträgt; aber die Ehre, der Ruhm,die Tugend bewegen uns, sie mit dem standhaftesten Mu,the zu übertragen. Denn entweder muß man sagen, daßdie Tugend nur ein Hirngespinnst sey, oder man mußgestehen, daß sie uns über den Schmerzen erheben könne.
Und wie viele Beyspiele jener großen Seelen, die vonden heftigsten Schmerzen nicht niedergeschlagen worden sind,beut uns die Geschichte nicht an ? Ich werde mich genügen,eines anzuführen, welches uns zeiget, wie weit der tugendsa«me Mensch den Starkmuch und die Herzhaftigkeit zu brin-gen fähig sey. Anaxarch von Abderen wurde von Niko«kreon , dem Tyrannen in Cypern, verurtheilet, lebendig ineinem Mörser zerstoßen zu werden. Zerstoß, zerstoß dieHülle Anaxarchs, sprach der herzhafte Philosoph zum Tyrannen: du wirst Anaxarchen sechsten nicht zerstoßen.Der erzürnte Tyrann wollte nachmals ihm die Zunge ab«schneiden lassen. Anaxarch kam ihm zuvor: er biß sie mitden Zähnen selber ab; und spie sie dem Tyrannen ins Gesicht.
Aber aus allen Beyspielen der Herzhaftigkeit unter denSchmerzen wird man keine rührendere finden, als jene, wel»che uns in den Jahrbüchern der Christen, und besonders in den.Martergeschichten, angeborhen werden. Man ließ sie unglaub-liche Peinen ausstehen ; sie hatten ein sehr leichtes Mittel,denselben zu entgehen : bey alledem nahmen sie dieses Mit«tel nicht an. Wird wohl der abscheuliche Verfasser desphilosophischen Handlexikons sagen, die Märtyrer seyn tollgeworden, da sie litten?