6,2 Höchstes Gut.
keit nm in jenem besteht, was der Ehrlichkeit und derLugend gemäß ist. Seyen wir auch, daß ein MenschGesundheit, Stärke, Schönheit, Reichthum, Macht,unbeschränktes Ansehen, u. s. f. habe: wenn ihm, beyallen diesen Gütern, die Tugend fehlet, so wird er sehrunglückselig seyn.
Endlich haben wir gesaget, daß die Zufriedenheit der Seelenicht zu verlieren und unveränderlich seyn sollte. Wir wolrlen wieder die nämlichen Lehrmeister vernehmen, die wir schonangeführt haben. Das höchste Gut, saget Cicero, * kannnur in jenem zu finden seyn, was unwandelbar, stand-haft , und immerwährend ist; denn es wäre nicht mehrhöchstes Gut, wenn es verloren werden könnte. Das,was die vollkommene Glückseligkeit ausmachet, soll nichtin der Gefahr seyn zu ältern, oder zu erlöschen, oderschwach zu werden: denn dafern man etwas ähnliches zufürchten hätte, so könnte man alsbald nicht mehr voll-kommen glückselig seyn.
Aus allem, was wir eben angeführt und vorgetragenhaben, muß man erkennen, daß das höchste Gut, die wah-re Glückseligkeit, die vollkommene Zufriedenheit der Seele,nur in Dingen bestehen kann, welche mit der Tugend, Ehr-lichkeit , Weisheit, und allen jenen Gesehen der Billigkeit,Redlichkeit, und Anständigkeit, die von der Natur in un-ser Herz gepräger find, übereinstimmen. Man muß auf glei-che Weise erkennen, daß die Befriedigung der Leidenschaf-ten, der Schimmer des Reichthums, die Berauschung allerArten von Wohllüsten, die weite Erstreckung des Ansehensund der Macht nicht erklecken, um den Menschen vollkom-men glückselig zu machen, und daß fie jenes höchste Gut nicht
aus»
* Tulcul. Frag. z. V.