6
die Tödtung des zahmen Löwen des Alexius im Jahre 1101 (s. WilkenII 124). Diese Beziehung spricht auch dafür, daß nicht allzu langenach jenem Ereignisse unser Gedicht seine ursprüngliche Gestalt er-halten hat. Denn wenn zunächst auch viel im Ahendlande davon ge-redet ward, so wird das Ereigniss doch schwerlich lange im Gedächt-niss fortgelebt haben. Dazu kommt eine ziemliche Localkenntniss, sodie Erwähnung vom Poderämushof; ferner die Angabe, daß an derSee "eine mile niderhalf der stat holz unde geberge lac’ sieht ganz dar-nach aus, als ob sie auf Localkenntniss beruhe. Hierher gehört auchnoch die gelegentliche Bemerkung über Ymelot 2570Her virlos ze Jerusalem sint den lif.
Dagegen können die sechs Wochen, welche die Fahrt von Barinach Constantinopel dauert, bloß formelhaft sein. Freilich schlossen sichdie rheinischen Ritter gewöhnlich nicht dem deutschen Heerzuge andurch Ungarn u. s. f., sondern schifften sich in Bari ein (vgl. H. E.Meyer bei Haupt XII 387). — Nach dem Angeführten erscheint es mirwahrscheinlich, daß der Dichter des Rother selbst am ersten Kreuz-zuge theilnahm. Dann aber ist das Gedicht nicht lange nachher ent-standen. Denn war der Verfasser damals auch noch sehr jung, so darfman doch annehmen, daß er nicht nach 1140 dichtete; für einen Greiswürde der frische, muthwillige Ton nicht passen.
Daß hauptsächlich erst seit dem zweiten Kreuzzuge (1147—1149)das Interesse für die Kreuzfahrten und den Orient in Deutschland regeward, der erste Kreuzzug aber in Deutschland nur als 'expeditio gallicagalt, scheint dagegen zu sprechen. Wenn aber, wie ich wahrscheinlichzu machen suchen werde, das Gedicht am Niederrhein entstand, sofällt dieses Bedenken fort, da gerade aus jenen Theilen Deutschlandssich zahlreiche Fürsten und Ritter dem ersten Kreuzzuge anschlossen. —Daß unser Gedicht nicht wohl der Zeit nach dem zweiten Kreuzzugeangehört, in welcher die Gemüther in Deutschland von den Ideen derKreuzzüge und von den Bildern des Orients gänzlich erfüllt waren,zeigt die Vergleichung mit Oswald und Orendel, welche beide in diezweite Hälfte des XII. Jhs. fallen (s. E. H. Meyer a. a. 0.). Währendin unserem Gedichte noch ein schlichterer Ton, noch Sinn für Einfach-heit und Natürlichkeit herrscht, finden wir dort schon große Neigungzum Abenteuerlichen. Während im Rother Züge, wie die Kämpfe mitYmelot, nur lose angefügt erscheinen, sind jene beiden Gedichte ganzmit geistlichen Ideen durchwoben, die Bekehrung der Heiden ist inden Mittelpunkt gerückt; durch zahlreiche Wunder greift die JungfrauMaria oder Christus unmittelbar entscheidend in die Entwickelung ein,