31
mögen verstatlet sein. Der eine, zunächst in die Augen springendeVortheil ist der intellektuelle, daß wir erst unter dieser Perspek-tive die Geschichte des religiösen Bewußtseins verstehen undwürdigen lernen können und damit den richtigen Standpunktder Beurtheilung uns erobern, der sich gleich weit entfernt hältvon dem intoleranten, offenbarungsgläubigen, erfahrungsfeindlichenDogmatismus, der in aller Religion nur eine unglaublicheVerirrung und Schwäche der menschlichen Geister sehen will.Der zweite Gewinn liegt aber auf der ethischen Seite und istnicht minder werthvoll; nur durch diese psychologische Zer-gliederung der einzelnen Elemente der religiösen Vorstellungenund durch ihre Rückführung auf die sinnlichen Wahrnehmungenund physikalischen Beobachtungen können wir, wie schon ebenangedeutet, die einzig zutreffende praktische Stellung gewinnen,die echte Toleranz und Nachsicht, die gerade auf diesem Gebieteso unentbehrlich ist. Ja diese Rücksicht vermag uns, wie Müllermit Recht hinzufügt, zu dem Gedanken bringen, auch unserreligiöses Bekenntniß, so vollendet es immerhin anderen gegen-über sein mag, nur als eins der vielen zu betrachten, die ingrößerer oder geringerer Entfernung sich um die centrale Wahrheitbewegen. Den Zusammenhang unseres Glaubens mit der Sitt-lichkeit endlich, die schwierige Frage nach dem allgemein gültigenGehalt der Religion, abgesehen von allen zeitlichen Schlacken undZusätzen, und ihre Beziehung zu den letzten Räthseln allesWissens und Denkens, alles dies kann erst einigermaßen derkritischen, wissenschaftlichen Entscheidung nahegebracht werden,wenn die exakte religionswissenschaftliche Arbeit einer möglichstumfassenden Vergleichung vorhergegangen ist. Anderenfallsverfallen wir wieder dem alten Verhängniß, das sich schoneinmal so bitter an den kühnen Phantasiebildern einer vor-schnellen, erfahrungsfeindlichen religionsphilosophischen Speku-lation gerächt hat.
< 517 )