Druckschrift 
Max Müller und die vergleichende Religionswissenschaft
Entstehung
Seite
20
Einzelbild herunterladen
 

20

des jungen Sprößlings von dem Vater möglichst oonlosthunlichst drastisch zn konstatiren. Gab es ein einfacheres, für dieAuffassung niederer Stämme durchschlagenderes Mittel, als daßsich der Erzeuger zu Bett legte, bestimmten Fasten sich unterzogund überhaupt die ganze Fiktion des Wochenbettes möglichstgenau nachahmte? Unseres Bedünkens nicht, und die ganzeSachlage wurde deshalb mit einem Schlage unwiderruflichgeklärt, als man die richtige Vorstellung von der organischenAufeinanderfolge der ursprünglichen Mutterschaft oder, bessergesagt, um Jrrthümer auszuschließen, des Mutterrechtes unddes späteren, nicht auf die Blutzugehörigkeit, sondern auf dieAutorität und Herrschaft des Mannes gegründeten Patriarchateshatte, wie wir es aus den landläufigen idyllischen Schilderungender Bibel und Homers kennen.

Einen weiteren wichtigen Ansatzpunkt für das Eingreifenreligiöser Ideen boten die Jahresfeste, wie wir sie schließlichbei allen Völkern wiederfinden. Selbst da, wo die Natur ihreReize nur mit karger Hand ausgestreut hat, wo sie nicht alsgütige Mutter erscheint, sondern als rauhe Herrin, als grau-same Feindin des Menschengeschlechtes, giebt es doch gewisse,wenn auch meist nur kurz bemessene Zeiträume, wo jener Drucksich lindert und das Menschenherz in Freude und Lust denflüchtigen Augenblick genießt. Wie nun gar in den tropischenund subtropischen Gegenden, wo der Mensch mühelos aus demunerschöpflichen Borne der Natur die Gaben in Empfang nimmt,als müßte das von rechtswegen so sein, bis er dann wiederdurch furchtbare elementare Katastrophen daran erinnert wird,wie trügerisch diese unbedachte Zuversicht zu seiner Umgebungund zur Natur überhaupt ist. Andererseits ist nicht zu ver-gessen, daß gerade in solchen Landstrichen, wo der Erwerb derLebensmittel ein steter Kampf, ein Ringen ist, wo die Gegen-sätze in dem Charakter der einzelnen Jahreszeiten je nach ihrer

<SV6)