Druckschrift 
Max Müller und die vergleichende Religionswissenschaft
Entstehung
Seite
14
Einzelbild herunterladen
 

X

14

philosophischen Perspektive zu vollziehen, bedarf wohl keinergenaueren Begründung. Seine Beschreibung der Umwandlungdieses Standpunktes ist vollständig einleuchtend:Die Mythologie,welche zuerst gleichsam Wahnsinn zu sein schien, der über dasMenschengeschlecht in einer bestimmten Periode seiner Entwickelunggekommen war, ist jetzt als unvermeidliche Entwickelungsstufein dem Wachsthum der Sprache und des Denkens denn diebeiden sind immer untrennbar erkannt worden. Sie repräsentirt,was wir in der Geologie eine metamorphische Schichte nennenwürden, eine durch vulkanische Ausbrüche der darunterliegendenFelsmassen herbeigeführte Erschütterung der vernünftigen, ver-ständlichen und gehörig geschichteten Sprache. Es ist meta-morphische Sprache und Denken, und es ist die Pflicht desGeologen der Sprache, in den weithin zerstreuten Fragmentendieser mythologischen Schichte die Reste von organischem Leben,vernünftigem Denken und dem ältesten religiösen Sehnen desmenschlichen Herzens zu entdecken." (S. 499.) Um die vielfachrecht heftigen Fehden zwischen den mythologischen Forschernunserer Zeit zu unterdrücken, schlägt Müller eine Arbeitstheilungnach folgenden Gesichtspunkten vor: die etymologische Schulebeschäftigt sich mit der Zergliederung der Namen und Sagengewisser Götter und Helden und sucht dieselben auf bestimmteGrundformen oder Wurzeln zurückzuführen. Die analogischeSchule geht sodann zu einer Vergleichung ähnlicher Mythen undDichtungen verschiedener, aber durch sprachliche Verwandtschaftzusammenhängender Völkerschaften über, um so die morpho-logische Struktur dieser Schöpfungen thunlichst klar zu legen.Es ist offenbar ein organischer Fortschritt des menschlichenDenkens, der uns hierin entgegentritt, denn, wenn die reinsprachliche Untersuchung den Beweis erbracht hatte, daß dergriechische Zeus und der römische Jupiter sich in vedischen Dyauswiederfinden ließen, so war es ein ganz natürlicher Gedanke,

iSM)