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sind, beobachten, ohne auf alle Fälle in der Demuth eine Lehrezu erhalten. Jeder, mag er Jude oder Christ, Mohammedaner oderBrahmane sein, muß, wenn er nur einen Funken von Bescheiden-heit in sich hat, fühlen, daß es geradezu wunderbar wäre, wennseine eigene Religion in allen Stücken vollkommen, jede anderedagegen von Anfang bis zu Ende irrig und falsch sein sollte.Die Geschichte lehrt uns, daß die Religionen sich wandeln undsich wandeln müssen mit den beständigen Wandelungen desDenkens und der Sprache in dem voranschreitenden Entwickelungs-prozesse der Menschheit. Die vedische Religion führte zurReligion der Upanischaden, die Religion der Upanischaden zuden Lehren, die Buddha zu einer neuen Religion zusammen-faßte. Nicht nur die jüdische Religion, sondern auch die ReligionGriechenlands und Roms mußten dem Christenthume weichen,das mehr auf der Höhe des Denkens stand, die nach langemRingen und Kämpfen die führenden Nationen erklommenhatten.
Es ist jedenfalls wunderbar, Religionen, die einer fast vor-geschichtlichen Gedankenschicht angehören, wie den alten Brahma-nismus, noch heutzutage in modifizirter, wenn auch nicht immerhöher entwickelter Form weiter leben zu sehen. Aber selbstdies wird uns verständlich, wenn wir erwägen, daß die mensch-liche Gesellschaft aus verschiedenen Geistesschichten besteht. EinigeReformatoren des 16 . Jahrhunderts standen auf einer geistigenHöhe, die noch jetzt von der Mehrzahl der Menschen unerreichtist. In der Theologie, wie in der Geologie findet sich oft dieganze Reihe übereinandergelagerter Schichten auf der heutigenOberfläche nebeneinander, und auch unter uns mögen noch imHellen Sonnenlichte Silurier umherwandeln. Es scheint, daßnur ein historisches Studium der Religion uns in den Standsetzen kann, diese Silurier zu verstehen, ja mit ihnen zu sym-pathisiren und den ausgezeichneten Gebrauch anzuerkennen, den
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