gedichtet ward; nicht das bläßliche Gebilde des frommen und nüchternen Gesellen,der die mäßigen Versuchungen mit moralischen Betrachtungen einschläfert; ebenso-wenig den abgefeimten Weltmann, der seine Thaten alle besonnen zwischen derLust und der Strafe abwägt — sie schildert den Menschen aller Zeiten, allerZonen, aller Völker; das Wesen, über den der Weise der Vorwelt grübelte,über das der Vernünftler unserer Zeit entscheidet, und den zu ergründen wiralle nur immer auf den zurückgewiesen werden, der ihn so ungeheuer erschuf.Diesen also, den ganzen Menschen, lerne der Jüngling in Goethes Dich-tung kennen, um aus dem Reichtum seines Wesens die Bestandteile zu sondern,aus denen er in sich selbst einen Tempel Gottes erbauen kann; um die haar-scharfe Linie kennen zu lernen, auf welcher Gutes und Böses sich scheidet. Erlerne den bösen Dämon in sich kennen, damit er den Gott in seiner Brust
herrschen mache-den sich Faust und Mephistopheles als eine Person
denken, die nur symbolisch in Doppelgestalt dargestellt sind, deucht uns die ein-fachste Erklärung des moralischen Teils dieses Gedichts.
Doch wir haben hier mit dessen Uebertragung in Bilder zu thun, undnehmen mit Verlegenheit wahr, daß ihre Lebendigkeit uns verleitet hat, mehrvon jenem zu sprechen, als, streng genommen, hierher gehört. Der Künstlerscheint, wie ein geistvoller Uebersetzer es thut, das Werk noch einmal gemachtzu haben, so innig hat er die Schöpfung seines Griffels dem Geist seinesDichters angeeignet. So wie in Goethes Gedicht der Mutwillen stets über-brausende Fröhlichkeit, der Cynismus trotzige Kraft ist, niemals Wollust undSinnenweide; ebenso beleidigt des Künstlers Darstellung nie das sittliche Auge!Ueberall tritt die Wahrheit unter den möglichen Bedingnissen der Schönheitauf; überall ist Anmut oder Ernst obwaltend, wie übersprudelnd auch diePhantasie in abenteuerlichen Einzelheiten ihr Spiel treibt. Die Momente der-selben sind mit so scharfer Auswahl getroffen, daß diese Bilder allein die innereGeschichte des ganzen Gedichts vors Auge führen. Sie zeugen für den mora-lischen Sinn des Künstlers, denn sie geben zu keiner Zweideutigkeit Anlaß.Wir glauben, daß selbst in dem abenteuerlichsten Koboldsschwarm keine Gruppevorkommt, bei der der Reine nicht rein bleiben müßte. Soviel wir uns bild-licher Darstellungen zu neueren Dichterwerken entsinnen, hatte kein anderer Dichterdie Befriedigung, sein Geisteswerk also verstanden und aufmerksam beachtet zusehen. Dieses ist in den Ausfüllungen besonders bemerkbar. Die treue Wieder-holung der Details in jedem Lokal, in Fausts Studierstube, bei Frau Schwertlein,bei Margarete, macht uns heimisch und enthält eine Art Biographie ihrer !
Inhaber. So, gerade so sehen noch heutzutage die Wohnzimmer rechtlicherBürger in katholischen Reichsstädtchen aus. Bei Frau Marthe waltet nur dasalte Gerümpel ob, bei Gretchen widerglänzt die holde Weiblichkeit in der alt-väterischen Umgebung, spricht sich Liebe in Blumenscherben und Reinlichkeitselbst im stattlichen Kehrbesen aus. Wer je vor vierzig Jahren bei einemLaboranten, Doktor oder Chemiker in Jsny, Ueberkingen oder sonst einem derlieben Winkel der Gegend war, muß sich in Fausts Zimmer heimisch fühlen, —ja, sah doch unseres würdigen, geistvollen Kästners Studierzimmer, zu seinerZeit, ungefähr ebenso aus. Die Hexenküche und die Blocksbergs-Ausmalungensetzen durch ihre Mannigfaltigkeit in Erstaunen und sind so kindlich abgeschmackt,daß sie in ihren ungeheuersten Ausartungen nur fröhliches Lachen, nie Ekelerregen. Die unbegreiflich einfachen Mittel, mit denen die entschiedenste Wir-kung hervorgebracht wird, deuten dabei auf das sonderbarste Einverständnis derEinbildungskraft zwischen Mensch und Mensch. Ein Schnörkelchen, ein Gekritzel,das der Unverständliche gar nicht wahrnimmt, oder das ihm ganz bedeutungslosscheint, stellt der empfänglichen Phantasie die durch den Künstler beabsichtigteGestalt in unverkennbaren Zügen dar. Diese Blocksbergs-Blätter sind so vollvon Gebilden, daß wir nicht einmal sicher sind, ob unsere Phantasie nicht dieAbsicht des Künstlers überflügelt, und zum Beispiel auf dem vierundzwanzigstenBlatte linker Hand den Felsen wie ein verhülltes Weib gestaltet sieht, wo esein bloßer ungestalteter Felsen sein soll, weil:
Die Wurzeln wie die Schlangen,
Winden sich aus Fels und Sande,
Strecken wunderliche Bande,
Uns zu schrecken, uns zu fangen;
Aus belebten dürren MasernStrecken sie PolypenfasernNach dem Wandrer. — - —
Mit gleichem Anstand, gleicher Bedeutsamkeit sind die Personen des Ge-dichts gehalten. Gretchen, die, stets liebreizend, die richtigen Abstufungen vonmädchenhafter schnippischer Zurückhaltung zur Verlegenheit, Innigkeit, Hingabe,ahnungsvoller Wehmut, stürmischer Reue und rettungsloser Verzweiflung durch-geht, spricht ganz die Natur aus, und könnte der Schauspielerin für Marie,Klärchen, Leonore zum Studium dienen. Fausts Verwandlung aus einemmönchischen Gelehrten in einen schmucken Ritter, dann die allmähliche Zerstörungseiner Gestalt durch Leidenschaft, bis zu der Spannung der Verzweiflung aufdem letzten, fürchterlichen Blatte, ist unverkennbar, oder wird es doch dem