168 Die zweite Session der VI. Legislatur-Periode des Reichstags
Hartmann (Plauen)') in einem Briefe vom 5. März 1886 darüber zu meldenweiß:
Am vergangenen Dienstag — so schreibt derselbe — hatte ich die Ehre, aneinem parlamentarischen Diner beim Reichskanzler Fürsten von Bismarck teil zunehmen. Die Gäste, etwa dreißig an der Zahl, wurden von dem Fürsten undseiner Tochter, der Frau Gräfin Rantzau, ans das liebenswürdigste empfangen. DieFrau Fürstin war leider krank und bettlägerig. Graf Herbert Bismarck, GrafRantzau und Geheimrat Rottenbnrg assistierten dem Fürsten in den Pflichten desHausherrn. Gegessen wurde in dem bekannten Kongreßsaal. Auffällig war mir,daß die Speisekarte durch und durch in französischer Sprache abgefaßt war, sogardie Überschrift: Naräi, ko 2. Nars — in dem Hause des deutschesten allerDeutschen nur erklärlich durch die Notwendigkeit, häufig Ausländer (Diplomatenund dergl.) bei sich zu sehen, welche der deutschen Sprache nicht mächtig sind.Der eigentliche Schwerpunkt dieser parlamentarischen Diners beim Fürsten Bis-marck liegt bekanntlich in dem Kaffeestündchen nach Tisch. So war es diesmalauch. Man gruppierte sich im Rauchzimmer, Kaffee und Cigarren wurden ge-reicht, dem Fürsten selbst aber anstatt der Cigarre eine gewaltige, lange Pfeife— und nun gab es eine zwanglose Konversation über verschiedene Gegenstände.Ich war unmittelbar neben dem Fürsten, zu seiner Linken, zu sitzen gekommen,und dankte diesem Umstand ein Zwiegespräch mit ihm über sächsische Verhältnisse.Dann kam man auf die Währungsfrage, und nun traten die Bimetallisten in dieAktion. Von rechts näherte sich der Reichstagsabgeordnete bon SchalschalCentrum)2) und von links der konservative Landtagsabgeordnete Freiherr vonMirbach. Letzterem zu liebe rückte ich etwas in den Hintergrund, und so konnteich das Gespräch um so genauer verfolgen. Bimetalliste rechts, Bimetalliste linksder Kanzler in der Mitten, eingehüllt in dicke Wolken, wie Zeus Kronion —das Bild wirkte unverkennbar erheiternd auf die ganze Gesellschaft. Der Inhaltdes Gespräches ist bereits von den größeren Zeitungen berichtet worden und zwar,wie ich bezeugen muß, in zutreffender Weise. Daher beschränke ich mich aus dieBemerkung, daß mir Fürst Bismarck von der Bekehrung zum Bimetallismus nochsehr weit entfernt zu sein schien.
Bei dem Währungsgespräch mit von Schalscha und Freiherrn von Mirbachbezweifelte Fürst Bismarck insbesondere die Richtigkeit der Behauptung, daß dasGold eine geringere und schwankendere Währung bei Zwangskurs im Inland dieKaufkraft besitze, die seinem Nominalwert entspricht. Er exemplifizierte auf Ruß-land, wo z. B. ein Knecht in der Landwirtschaft neben freier Station 70 RubelJahreslohn empfange. Die Lebenshaltung dieser Leute vertrage sich nicht mitder Annahme, daß diese 70 Rubel mit ihrem Nominalwert entsprechende Kauf-kraft besitzen.
Nach etwa einstündiger Unterhaltung entfernten wir uns, um eine köstlicheErinnerung reicher.
0 Bergt, oben S. 156.0 Bergt, oben S. 153.