158 Die erste Session der VI. Legislatur-Periode des Reichstags
die Regicrnngskommissare, die Abgeordneten Meier (Handelsherr in Bremen),Woermann von Hamburg, Gerlich (konservativ), Hammacher (nationalliberal)n. s. w. verteidigten die Vorlage in überzeugendster Weise. Interessant war es,ans dem Munde des Abgeordneten Bebel zu vernehmen, daß er zwar entschiedenerGegner der Dampfersnbvention sei, aber damit in seiner, der sozialdemokratischenFraktion, sich in der Minorität befinde; die Majorität seiner Fraktionsgenossenwerde für die Vorlage stimmen.
Der enge Zusammenhang des Gesetzentwurfes über die Postdampfer-subventionen mit der neuerdings seitens des Reiches mit Thatkraft und Umsichteingeschlagenen Kolonialpolitik liegt klar zu Tage. Das stolze Wort „Unter demSchutz des Reiches!" klang vor wenig Monaten zum erstenmal in zwei Jahr-tausenden deutscher Geschichte hinaus über das Weltmeer — die Nationen, vorallem das seegewaltige England, haben das Wort vernommen und geachtet —Deutschlands Banner wehen ans afrikanischer Erde! Wer das vor 25 Jahrenauch nur zu hoffen gewagt hätte, wäre für verrückt erklärt worden. Nun giltes, das, was durch Gottes Gnade und die Weisheit der Staatsleitung im Reicheso hoffnungsreich begonnen ist, zur Ehre und zum Wohl des deutschen Volkeshinauszuführen. Die Postdampfersubvention ist ein Glied in der Kette derhierauf abzielenden Maßregeln. Weiteres wird und muß folgen. Mit GottesHilfe wird der Segen bald sichtbar, werden vor allem unsre Industrie und unserHandel die Früchte einheimsen können! Das Wort Bebel's, der Arbeiter werdenichts davon haben, ist ganz und gar thöricht. Vermehrte Arbeitsgelegenheit undin der weiteren Entwickelung auch höhere Löhne können gar nicht ausbleiben,wenn unsrer Industrie neue und gesicherte Absatzgebiete von unabsehbarer Aus-dehnung gewonnen werden.
In der vorigen Woche wurde viel Staub ausgewirbelt durch den Antragdes Centrumführers I)r. Windthorst auf Aufhebung des Expatriirungsgesetzes.Der Antrag ist bereits zweimal vom Reichstag mit großer Mehrheit angenommen,und ebenso oft vom Bundesrat abgelehnt worden, zuletzt erst vor einigen Wochen.Gleichwohl brachte Windthorst den Antrag gleich nach dem Zusammentritt des Reichs-tags wieder ein, offenbar ohne alle Hoffnung auf Annahme seitens des Bundes-rats und nur zum Zweck der Demonstration. Früher hatte der Bundesrat imReichstag zu dem Antrag geschwiegen. Jetzt trat kein Geringerer gegen ihn aufals Fürst Bismarck, und zwar mit vollster Entschiedenheit. Er fand in demAntrag die Absicht, den verbündeten Regierungen die Mißachtung des Reichstagsanszudrücken, und ihr Ansehen zu beeinträchtigen, erklärte das Gesetz für unent-behrlich gegenüber den Umtrieben der Polen und bat um Ablehnung des Antrages.Das Redeturnier zwischen ihm und Windthorst war höchst interessant. Letzterersprach von Tyrannen, welche den Völkern die Religion nehmen und sie dadurchzum Aufruhr treiben, vom Interdikt und andern dergl. Dingen, während dieAusführungen des Reichskanzlers in dem alten Kampfruf gipfelten: „Hie Kaiser,hie Papst"! Unter solchen Umständen entschloß ich mich, diesmal gegen denAntrag zu stimmen, obschon ich das vorige Mal mit ja votiert hatte. Die