Berlin den 12. Dezember 1884.
Einen peinlichen Verlauf nahm die Debatte über einen Posten von 2700 M.jährlich, welcher zur Aufbesserung der Gehälter von drei Subalternbeamten derReichskanzlei gefordert wurde. Der Reihe nach traten der Chef der Reichs-kanzlei, Geheimer Oberregierungsrat Rottenbnrg, ferner der Abgeordnete GrafHerbert Bismarck, Sohn des Reichskanzlers, endlich dieser selbst für die Vorlageein. Sie alle vermochten die sogenannten Dentschfreisinnigen und das Centrnmnicht von der Notwendigkeit der Ausgabe zu überzeugen. Die Sache wurde andie Budgetkommission zur Vorberatung verwiesen, gegen die Stimmen der Konser-vativen. In der Budgetkommission ist aber die Sache sehr glatt und schnellabgegangen. Die Forderung wurde bewilligt, gegen die alleinigen Stimmendes Centrnms — ein Beweis dafür, daß mit der Opposition nichts weiterbeabsichtigt war, als den Fürsten Bismarck zu kränken. Er hat es auch so aus-gefaßt, beim Verlassen des Sitzungssaales soll er geäußert haben: „Man mußsich vor dem Ausland schämen!"
Der Gedanke an das Ausland lag sehr nahe, da gerade jetzt die Konferenzzur Regelung der afrikanischen Angelegenheiten in Berlin tagt. Ans der ganzencivilisierten Welt sind aus die Einladung des Kaisers hin die Diplomaten hierhergeeilt, um unter dem Vorsitz des Fürsten Bismarck über die Geschicke einesErdteils zu beschließen; sie folgen — freudig oder widerwillig, gleichviel —der überlegenen Leitung des genialen Mannes, und zur selbigen Zeit versagt ihmdas Parlament 2700 M., obgleich er die Ausgabe für unerläßlich erklärt undmit seiner zweifellos höchsten Sachkunde dafür eintritt! Übrigens hielt bei dieserGelegenheit Graf Herbert Bismarck seine Jungfernrede, und aus diesem Anlaßwohnte die ganze Familie des Reickskanzlers in einer der Logen der Ver-handlung bei.
Unter den wichtigeren Gegenständen, welche uns in der letzten Zeit be-schäftigten, nenne ich eine alte Bekannte, die Vorlage wegen der Postdampfer-subventionen. Das Bild war ungefähr das nämliche, wie im vergangenen MonatZuni: die Konservativen und die Nationalliberalen entschieden eintreteud fürdie nationalen und praktischen Ziele der Vorlage, das Centrum kühl undunentschieden, die „Deutschfreisinnigen" und die Sozialdemokaten mehr oderweniger feindselig. Die Vorlage wurde an eine Kommission verwiesen. Daßdiese den Centrumsmann Grafen Ballestrem zum Vorsitzenden und den „deutsch-sreisinnigen" Abgeordneten Bamberger, den erklärten und entschiedenen Gegnerder Vorlage, zum stellvertretenden Vorsitzenden wählte, scheint nicht gerade geeignet,bei den Freunden der Vorlage Hoffnungen zu erwecken. Indessen wird mandoch das Ende mit verhältnismäßiger Seelenruhe abwarten können. Mir ist esganz unwahrscheinlich, daß bei der entscheidenden Abstimmung eine Mehrheit sichzusammenfindet, welche es wagen sollte, entgegen dem erklärten einmütigen Willender Nation die Vorlage abzulehnen. Die Kommission hat inzwischen mehrereSitzungen abgehalten und ich habe denselben größtenteils beigewohnt. Bambergerund Genossen nörgeltep munter und verlangten Rentabilitätsberechnungen, aber