156 Die erste Session der VI. Legislatur-Periode des Reichstags
fühnmg des Branntweinmonopols. Daß auch er gleich wie sein Vater auf dieLiberalen schlecht zu sprechen war, verwunderte nicht, und ebensowenig, daß erdenselben den oft gehörten Vorwurf der Obstruktionspolitik machte. Die Zuhörerfanden, daß der Graf selbst in der Redeweise seinem Vater ähnlich sei'). —
Am 29. April und 6. Mai t 885 sprach Fürst Bismarck mit den: Abgeordnetenvon Helldorff über die Börsensteuer und den Schluß des Reichstags^).
Auch über de» Verlaus dieser Session liegt mir eine Anzahl Berichte desReichstagsabgeordueten I)r. Hartmanu^) (Plauen) vor, denen ich nachfolgendeStellen entnehme.
Berlin, den 21. November 1884.
An den Eröffnungsfeierlichkeiten am 20. November 1884 nahm Fürst Bis-marck teil. Bei Sr. Majestät dem Kaiser traten die Anzeichen des Alters undder dadurch bedingten körperlichen Schwäche viel stärker hervor, als gegenüberden stereotypen Versicherungen der Tagespresse von Spannkraft, Frische und derglanzunehmen gewesen wäre. Die Thronrede war mit großen, mehrere Centimeterhohen und entsprechend starken Buchstaben gedruckt, die beim Ilmwenden auchfür den ziemlich entfernt Stehenden sichtbar wurden. Gleichwohl vermochte derKaiser nur stockend zu lesen. Mehrmals verblätterte er sich beim Umwenden,wodurch jedesmal ein peinlicher Aufenthalt veranlaßt wurde. Über das WortSkierniewice — Ort der Zusammenkunft mit den Kaisern von Österreich und Ruß-land — kam er nur niit Mühe hinweg.
Als er nach Verlesung der Thronrede vom Thron herabgestiegen und von demTeppich aus das unbedeckte Parkett gelangt war, kam er ins Schwanken, und eshatte einige Sekunden lang den Anschein, daß er stürzen würde. Der Kronprinzrechts und Fürst Bismarck links näherten sich in möglichst unauffälliger Weise— augenscheinlich, um ihn äußersten Falles zu stützen. Doch wären sie wohlzu spät gekommen, wenn nicht der Kaiser selbst noch die Kraft gefunden hätte,die Hacken zusammen zu schlagen und sich wieder aufzurichten. Daß ihm diesGenugthuung bereitete, konnte man ihm deutlich vom Gesicht ablesen. Aberpeinliche Augenblicke waren es, und ich sagtennwillkürlich zu meiner Umgebung:„Das war das letzte Mal, daß Wilhelm der Siegreiche einen deutschen Reichs-tag eröffnet hat." — So ist es geworden. Der kaiserliche Herr hat noch eine Reichs-tagseröffnung erlebt, die von 1887, und er würde damals gewiß mit besondererFreude den Anstrengungen der Eröffnungsfeierlichkeit sich unterzogen haben; aberer vermochte es nicht mehr.
') Vergl. die „Allgemeine Lanenburgische LcmdeSzeituug" Nr. 87 vom 15. April 1885.
2) In einem am Schlüsse der I. Session für die Mitglieder seiner Partei geschriebenen Aufsatzebemerkte Helldorff, nachdem er die Erfolge des Kanzlers auf dem Gebiete der Kolonial-, Sozial-und Zollpolitik beleuchtet hatte: Zn wachsender Erkenntnis dieser Beziehungen sieht die Mehrheitder Nation in Bismarck auch ans diesen Wegen den genialen Vorkämpfer des nationalen Ge-dankens und wendet sich mehr und mehr einer praktischen politischen Auffassung zu, — welchedie hergebrachten Parteidoktrinen nnd Parteischablonen zu durchbrechen droht.
") Vergl. S. 126.