148 Die erste Session der VI. LegiSlatnr-Periode des Reichstags
Ausland darüber dachte, das illustrierte er au einer kleinen Anekdote: In einerdeutschen Stadt waren zu großen städtischen Anlagen, Wasserleitung, Pferdebahnoder dergleichen, ausländische Unternehmer herangezogen worden. Nach Beendigungdes Baues fand ein großes Festessen statt, viele Reden wurden gehalten, ansmancherlei getoastet. Schließlich erhebt sich einer der ausländischen Unternehmer,klopft an sein Glas und sagt in gebrochenem Deutsch: er müsse seine Verwunderungdarüber aussprechen, daß unter allen Toasten keiner Bismarck gegolten. Wennsein Heimatland einen Mann hätte, der wie dieser das Land groß gemacht undseine Wohlfahrt gefördert, es würde seiner bei solchen Gelegenheiten gewiß inerster Linie gedacht werden. Er wolle das Versäumte nachholen und bringe einHoch auf Bismarck aus. Der Redner, meine Herren, soll ein Däne, und denfreisinnigen Vätern der Stadt die Sache recht peinlich gewesen sein.
Während der Reichstag tagte, fanden mehrere Besprechungen Bismarck's mitHelldorff statt, so am 2. Dezember 1884 über den Antrag Windthorst's aufAufhebung des Gesetzes vom 4. Mai 1874, betreffend die Verhinderung der un-befugten Ausübung von Kirchenämtern (Nr. 17 der Drucksachen).
Zn jener Zeit markierte sich in der konservativen Partei mehr und mehr jenecentrumsfreuudliche Richtung, welche für den Antrag Windthorst stimmen wollte.Da Helldorff in der ganzen politischen Situation die Stellungnahme auf Seiteder Regierung für geboten hielt, während man von der andern Seite sich aufdie Konsequenz einer Abstimmung über denselben Gegenstand im Vorjahr stützte, sowar ein starker Dissens in der Fraktion die Folge, der zu mehrfachen BesprechungenAnlaß gab.
Am Tage nach der Unterredung mit Bismarck nahm Helldorff bei Beratungdieses Antrages das Wort, um in einer kurzen aber kräftigen Rede die Gründeauszuführen, welche ihn bestimmten, augenblicklich gegen die Aufhebung des Ge-setzes vom 4. Mai 1874 zu stimmen st. Am 4. Dezember 1884 ließ Bismarckwährend der Reichstagsverhandlungen Helldorff rufen und sprach demselben fürseine Haltung in dieser inzwischen erledigten Suchest seinen Dank aus.
Es folgten nun weitere Verhandlungen am 15. Dezember. Benehmen überdie an diesem Tage beginnende Debatte wegen Bewilligung eines zweiten Direk-tors im Auswärtigen Amt st.
die jetzige Lage im Vergleich zur Vergangenheit! Vor kaum zwanzig Jahren wurde Preußenvielfach kaum als voll zu den Großmächten gehörig angesehen. Jetzt nimmt Preußen, dasunter ihm geeinigte Deutschland, geradezu eine dominierende Stellung in Europa ein, nie hatein deutscher Kaiser eine solche Fülle von Macht und Achtung in sich vereinigt, wie unser erhabenerKaiser Wilhelm, kaum je hat ein Staatsmann eine solche Stellung in der Welt behauptet, wieFürst Bismarck."
h Stenographischer Bericht, S. 169.
2) Bei namentlicher Abstimmung hatten für den Antrag 217 Abgeordnete gestimmt. DieMinderheit (darunter Helldorff) hatte es auf 93 Stimmen gebracht.
3) Am gleichen Tage und in derselben Sache ergriff Helldorff das Wort im Reichstag;vergl. die Stenographischen Berichte, S. 369.