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3 (1896) 1879 - 1890
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Die XV. preußische Legislatur-Periode

in Form eines schlechten Witzes von Eugen Richter, der seinen Lesern die großeNeuigkeit nuftischte, Cremer habe „im Nachthemde des Reichskanzlers" geschlafen st.Das wahrscheinlich von einem Reporter ans einer gelegentlichen Unterhaltung inprivaten Kreisen ausgeschnappte Faktum ist allerdings „historisch" richtig, aberkeineswegs das einzige Bemerkenswerte an jener Begegnung. Die praktischeFolge war, daß Cremer bis zum Abgänge Bismarck's in der Presse für diePolitik desselben eintrat, und auch in der Folge nie zu denen gehört hat, diemit Rücksicht auf die veränderte Situation sich auf die Gegenseite stellten. Zmübrigen darf hier bemerkt werden, daß Cremer schon seit Jahren auch als Mit-glied des Centrums zu den treuesten Verehrern des Fürsten Bismarck gehörte,dem er im Hinblick auf dessen weltgeschichtliche Leistungen für die Ehre und dieGröße des deutschen Vaterlandes alle Nachsicht für eine Kirchenpolitik angedeihenließ, die er (Cremer) als einen verhängnisvollen Mißgriff betrachtete. HatteCremer es doch schon im Jahre 1879 gewagt, eine parlamentarische Soiree desFürsten zu besuchen, ohne sich durch die Stichelreden und die Grobheiten seinerKollegen vom Centrum in seiner Haltung beirren zu lassen st.

Am 18. September 1882 sandte der neue Wahlverein in Osthavelland nach-stehendes Telegramm an den Fürsten Bismarck: „Der heute in Nauen ver-

sammelte neue Wahlverein stellt Herrn Professor Wagner in Berlin als Kandi-daten znm Abgeordnetenhause für das Osthavelland auf und beglückwünscht sich,

1) Die „Post" Nr. 288 vom 22. Oktober 1882 schrieb: „Der Abgeordnete Cremer soll,wie vor einiger Zeit von mehreren Zeitungen gemeldet morden, ohne daß dieser Meldung wider-sprochen wurde, bei dem Fürsten Reichskanzler in Varzin gewesen sein. Die Meldung scheintrichtig zu sein. Denn der „Kölnischen Volkszeitung" wird jetzt geschrieben: Herr Cremer fandin Varzin, wo er l hi, Tage verweilte, beim Reichskanzler die freundlichste Aufnahme. Er wurdezur Tafel gezogen und übernachtete auf der Besitzung des Fürsten. Der Reichskanzler habevorher den Wunsch ausgesprochen, gern den Mann sehen zu »vollen, der in Berlin und in denProvinzen so kräftig für die antifortschrittliche Richtung agitiere, und habe ihn deshalb durchden Landrat von Massow zu sich entbieten lassen, welcher Einladung Cremer in Begleitung desLandrats gefolgt sei. Dabei sei er auch zufällig mit dem Jnstizminister Friedberg in Varzinznsammengekommen; Cremer sei schließlich mit ermutigendem Händedruck vom Kanzler ge-schieden, und beabsichtige er, falls er gewählt werde, der konservativen Fraktion nicht beizutretenund „wild" zu bleiben, um eventuell nach allen Seiten hin Hiebe austeilen zu können."

2) Cremer's Stellung zun» Kulturkampf erhellt ans einer Rede voin Februar 1883, worincs heißt: „So lange der Staat einseitlich durch seine Gesetze, insbesondere auf der ganz falschenGrundlage der Maigesetze, seine Verhältnisse zur Kirche regelte, gehörte ich dem Centrum an.Von dein Augenblicke an aber, ivo im Jahre 1878 die Unterredung zwischen Kanzler undNuntius ili Kissingen stattfand — ich erhielt die Nachricht gerade, als ich mich mit dem Fürst-Bischof Förster im Gespräch befand — da sagte ich sofort: „Jetzt ist eine Wendung eingetreten;der Staat läßt sein bisheriges Prinzip fallen; jetzt ist es die Pflicht eines patriotischen Preußen,ihm in der Beseitigung des Kulturkampfes beizustehen." Erst dauu können wir den Kultur-kampf überwinden, wenn jeder von uns „mit wahrhaft preußischer, patriotischer Gesinnung andie Lösung dieser Aufgabe herautritt, und bei aller Hochachtung, die ich vor Herrn Wiudthorsthabe, möchte ich doch sehr in Zweifel ziehen, ob er im stände sei, eine wirklich preußische Politikzu treiben."