1884
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Berlin, den 27. Juni 1884.
Der gestrige Tag gehörte fast ausschließlich der Verlage über die Dampfer-subventionen. Nicht, daß der Gegenstand auf der Tagesordnung gestanden hätte— nein, das haben die Freisinnigen im Bunde mit dem Centrum bisher zuHintertreiben gewußt, und aller Voraussicht nach wird diese Session und damitdie ganze Legislatur-Periode endeu, ohne daß das Plenum in die Lage kommenwird, über diese Angelegenheit von höchster wirtschaftlicher und nationaler Be-deutung sich schlüssig zu machen. Eben deshalb benutzten die Konservativen dieBeratung des Handels-, Frenndschafts- und Schiffahrtsvertrages mit Korea,um durch den Freiherrn von Maltzahn-Gültz die Dampfersubvention und dieKolonialfrage überhaupt in die Besprechung zu ziehen. Am Montag bereitshatte der Reichskanzler in der Kommission die erschöpfendsten Erklärungen überbeide Gegenstände gegeben. Er war zugleich in der Lage, mitzuteilen, daß in-halts einer ihm am Tage zuvor zugegangenen Nachricht von London die englischeRegierung den Widerspruch gegen die deutsche Niederlassung in Angra Peqnenaan der Westküste von Afrika anfgegeben und das Deutsche Reich zu seiner erstenKolonie beglückwünscht hat.
Ich habe der Sitzung als Zuhörer beigewohnt und kann bezeugen, daß derEindruck dieser Mitteilung ein ganz gewaltiger war. Die Konservativen unddie Nationalliberaleu wenigstens machten aus ihrer patriotischen Freude keinHehl. Die Freisinnigen blieben kühl; in ihren Augen ist Angra Peqnena nureine Sandwüste mit zwei Holzhütten, welche, wie Eugen Richter mit höhnendemAnklang an die bekannte stolze Depesche Bismarck's an die britische Kapregieruugbemerkte, „unter dem Schutz des Reiches stehen". Kühl blieben sie auch bei derEröffnung der Reichskanzlers, daß er noch andres dieser Art in xotto habe,daß er aber seine Eisen aus dem Feuer nehmen und kalt werden lassen müsse,wenn er rücksichtlich der Dampsersnbvention abermals auf ein Nein stoße, wieseinerzeit bei der Samoavorlage. Seine weiteren Darlegungen ließen klar er-kennen, wie nüchtern und besonnen er die Dinge betrachtet, wie thatkräftig eraber auch vorzugehen gedenkt, wenn ihm die Unterstützung der Volksvertretungzu teil wird. Alles umsonst! Eugen Richter, Bamberger und Rickert verlangtenReutabilitätsnachweise, und da ihnen diese der Natur der Sache nach nicht gegebenwerden konnten, erklärten sie, daß sie gegen die Vorlage stimmen würden. Dienächste Sitzung der Kommission wurde auf heute, Freitag, Abend anberaumt,trotz des energischen Widerspruchs des konservativen Abgeordneten ür. Fregegegen solche Verschleppung, trotz seines Hinweises darauf, daß voraussichtlichheute oder doch morgen der Reichstag geschlossen werden würde.
Die Deutschfreisinnigen haben mit dem Centrum zusammen die Majoritätin der Kommission, uud sie beliebten die Fortsetzung der Beratung erst am Frei-tag. Nun, gestern erfolgte wenigstens die öffentliche Besprechung der Sache,dank der Initiative der konservativen Partei. Das Bild war ungefähr Dasselbewie in der Kommission. Auf der einen Seite der Reichskanzler mit den Konser-vativen und den Nationalliberalen für die Vorlage und für eine ebenso that-