132 Die vierte Sessivn der V. Legislatur-Periode deS Reichstags
Majestät, wir Bismarck's sind altbayerische Vasallen, unsre Besitzungen in derMark danken wir dem deutschen Kaiser Ludwig dem Bayern; schon darum werdeich Ew. Majestät niemals etwas anraten, was ich für Ew. Majestät schädlicherachte." Der König habe ihm seitdem Vertrauen geschenkt und er, Bismarck,sei nachmals öfter in der Lage gewesen, den König zu beraten; er könne mitgutem Gewissen sagen, daß er ihn stets gut beraten habe. Damals, im Januart87l, habe er an deu König von Bayern geschrieben, um ihn zu bestimmen,daß er die Proklamation des Königs von Preußen zum Deutschen Kaiser herbei-führe. Er habe ihm vorgestellt, daß er, der König, durch die Versailler Verträgeschon mehr zugestanden habe, als der König von Bayern dem König von Preußeneinräumen könne: dein Deutschen Kaiser aber könne er das alles zugestehen;darum solle der König von Preußen zum Deutschen Kaiser ausgerufen werden.Abends zwischen 7 und 8 Uhr habe er den Brief in aller Eile geschrieben.Gleichzeitig habe er dem Grafen Holnstein, Oberststallmeister des Königs vonBayern, sagen lassen, daß er um 9 Uhr abreisen müsse, um den Brief an denKönig von Bayern auf Schloß Berg zu bestellen und die Antwort zurückzubringen.Richtig sei Graf Holnstein abends um 9 Uhr abgereist und er habe es fertig-gebracht, binnen sieben Tagen nach Schloß Berg zu gelangen, dort den Briefan den König von Bayern und dessen Antwort sodann in Versailles zu über-reichen. Darauf sei die Kaiserproklamation erfolgt.
Fürst Bismarck erwähnte bei obigem Gespräch, daß der König von Bayernanfangs das Ansinnen, den König Wilhelm im Namen und Auftrag der deutschenFürsten und freien Städte die deutsche Kaiserwürde anzutragen, abgelehnt habe.Darauf sei man an den König Johann von Sachsen mit der Frage getreten,ob er es thun wolle. Dieser habe ohne Besinnen bejaht, unter dem Vorbehalt,daß es eben der Bayer nicht thun würde. Nunmehr habe er dem König vonBayern davon Kenntnis gegeben, daß, wenn er es nicht thue, es durch denKönig von Sachsen geschehen werde. Darauf habe der König von Bayern seinenWiderstand aufgegebenst. — Jetzt sind beide Könige tot, da kann er dies wohlerzählen. —
Ich benutzte die Gelegenheit, da das Haus des Fürsten Bismarck bei HellemTageslicht Hunderten von Gästen preisgegcben war, um nicht nur den anstoßen-den Park zu besichtigen, sondern auch in sein Arbeitszimmer zu ebener Erde unddas daneben befindliche Allerheiligste mit dem Hünensofa einzudringen. Es warmir ein eigenartiger Genuß, in dem Raume zu verweilen, wo der Mann desJahrhunderts seiner Tagesarbeit obzuliegen pflegt. Zum Andenken nahm ichmir aus dem Feuerzeug auf dem Schreibtisch einige Streichhölzer, riesenhaft wiealles au ihm und um ihn, schon mehr Spähne. Ein paar davon habe ich nach-mals an andre Bismarckverehrer verschenkt, zwei besitze ich noch, sie liegen inmeinem Reliquienschrein.
y Vergl. über diese Frage mein Werk „Fürst Bismarck, Neue Tischgespräche und Inter-views," S. 91, Note, und „von Unruh, Erinnerungen aus meinem Leben," S. 316.