Druckschrift 
3 (1896) 1879 - 1890
Entstehung
Seite
129
Einzelbild herunterladen
 

1884

129

Das gesellschaftliche Leben war in den vergangenen Wochen noch sehr rege.Mir wurden mehrfach Einladungen bei Ministern und Staatssekretären, wie auchdem sächsischen Gesandten Herrn von Nostiz Wallwitz zu teil. Die Krone vonallen Festlichkeiten aber war die parlamentarische Soiree, welche der Reichskanzleram vergangenen Sonnabend (10. Mai) gabst. Die erste seit Dezember 1881.Geheimnisvoll war die Fassung der Einladung. Nicht der Reichskanzler ludein, sondern der Königlich preußische Ministerpräsident; auf der Adresse fehlte,ganz der Sitte zuwider, derReichstagsabgeordnete"; als Zweck der Einladungwar einevertrauliche Besprechung" bezeichnet. Über die beiden ersten Punkteließ sich leicht hinwegkommen der Reichskanzler wußte nicht, ob nicht zwischender Einladung und der Festlichkeit selbst der Reichstag aufgelöst würde des-halb die Unregelmäßigkeit in den Titulaturen. Aber dievertrauliche Besprechung"?!Das hat mehr als einem Abgeordneten den Kopf verdreht, bis er erfuhr, daßaußer ihm noch etwa fünfhundert andre Staubgeborene mit genau der gleichenEinladung beehrt worden waren. Es sollen da Geschichtchen vorgekommen sein,welche den geneigten Leser sicher höchlich ergötzen würden, aber mit Rücksicht ausden knapp bemessenen Raum hier unterdrückt werden müssen. Richtig aufgeklärtist die Sache nicht, obgleich der eine und der andre von uns gelegentlich derSoiree den Fürsten Reichskanzler daraufanzuzapfen" versuchte. Wahrscheinlichhat man es nur mit der Faselei irgend eines Büreaubeamten zu thunst, welcherdie betreffenden Formulare verwechselt hat. Genug,vertrauliche Besprechungen"gab es an jenem Abend im Reichskanzlerpalais nicht, wohl aber einen liebens-würdigen Wirt, etwa dreihundert Gäste und ausgezeichnete Verpflegung.

Berlin, den 13. Juni 1884.

Der vergangene Montag sah, nach mehrwöchentlicher Pause, die Reichsbotenwieder hier versammelt, und zwar vorerst nicht zu ernster Arbeit, sondern zufestlichem Thun. Es galt der Legung des Grundsteins zum Reichstagsgebäude,jenen stolzen Bau, welchen die Nation ihren Vertretern bestimmt hat, zugleich zudem herrlichsten Denk- und Siegesmal für die deutschen Heere und dem gewaltigstenWahrzeichen des wieder aufgerichtetenReiches. Die Feier ging in seltener Pracht undGroßartigkeit vor sich. Als Prinz Wilhelm, der hoffnungsvolle Erstgeborene desKronprinzen, so recht forsch seine drei Hammerschläge auf den Grundstein that,durchbrauste halbunterdrückter Jubel die dort versammelten Tausende manhörte darin die Freude über das jugendfrische, kräftige Austreten des künftige»dritten Kaisers im neuen Reich. Die Königliche Familie hatte, mit Ausnahmeder leider durch Krankheit behinderten Kaiserin, die Hammerschläge gethan, daschritt der Kaiser nochmals, entblößten Hauptes, aus deni Kaiserzelte nach demGrundstein, ergriff wiederum den Hammer und that von neuem drei Schlägemit den Worten:Im Namen der Kaiserin und Königin" nicht ohne tiefeRührung wurde das ritterliche Thun des Kaiserlichen Herrn von der versammelten

-) Vergl. darüber Bd. I (2. Ausl.), S. 256.

st Diese Auffassung trifft nicht zu, der Witz steht auf dem Conto des Grafen Wilhelm Bismarck.

PoschiIIger, Fürst Bismarck u. die Parlamentarier. III. 9