124 Die vierte Session der V. Legislatur-Periode des Reichstags
gewöhnlichen, des Starken und Erhabenen an der Stirn trugen — das geradeGegenteil der Wirkung der Kampfreden des Abgeordneten., deren Ausdrucks-
weise an Widerlichkeit nnr übertroffen wurde non der Verzerrung seines Gesichtes.
Am 25. April 1884 erging an den Reichstagsabgeordneten I)r. Frege-Abtuaundors') nachstehendes Schreiben:
Euer Hochwohlgeboreu danke ich für die freundliche Begrüßung durch dieAdresse vom 15. d. Ai., welche mir ein neuer Beweis für die lebenskräftigeEntwickelung der reichstreuen Gesinnung iin Volke ist. Aus Euer Hochwohl-geboren Begleitschreiben ersehe ich zu meiner Freude, daß sich an dieser Kund-gebung die konservativen und liberalen Vertrauensmänner des Wahlkreisesgleichmäßig beteiligt haben, und hoffe ich, daß dieses dankenswerte Beispieleinmütigen Zusammenhaltens aller Freunde des Reiches und der Monarchiegegen die bewußten und unbewußten Gegner des einen oder der andern, oderbeider, im ganzen Lande Anklang und Nachahmung finden werde. Die Festig-keit und die gedeihliche Entwickelung des Reiches wird davon abhängen, obdem Ganzen und Großen zu Liebe die Parteiunterschiede in den Hintergrundtreten, durch welche die in verschiedene Fraktionen verteilten Anhänger desReiches ihre Trennung dokumentieren und verschärfen.
von Bismarck.
In dieser Session bahnte sich wiederum ein leidliches Verhältnis zwischendem Reichskanzler und dem Abgeordneten Windthorst an, welcher seit der parla-mentarischen Soiree vom 6. Dezember 1881 das Haus Bismarck's gemiedenHaltes. Am 10. Mai 1884 wohnte er zum erstenmal wieder der berühmten„vertraulichen Besprechung'' im Kanzlerpalais bei, und verkehrte von da ab biszur Entlassung des Kanzlers in dessen Hause gastlich, so bei den parlamentarischenFrühschoppen am 20. Juni 1884, 12. Mai 1885 und 20. Mai 1889. Bezeichnendist aber doch, daß er zu einem parlamentarischen Diner in den letzten Jahrenniemals eingeladen wurde, und daß Bismarck es vorzog, mit dem Freiherrnvon Frauckenstein zu verhandeln, wenn es galt, sich die Mitwirkung des Centrmusbei einer parlamentarischen Aktion zu sichern^).
Als es dem preußischen Finanzminister I)r. Miguel gelungen war, mit beispiel-losem Erfolg seine Steuerreform in Preußen durchzusehen, war auf vieler Munde
b von Fr ege, Arnold Waldemar, 1)r.; Rittergutsbesitzer, Vorsitzender des Landwirt-schaftlichen Kreisvereins Leipzig, Fürstlich Reuß-Plauenscher Kammerherr. Geb. am 30. Ok-tober 1848 zu Abtnaundorf; evangelisch-lutherisch. Direktor der Ökonomischen Societcit zuLeipzig und des Distrikts des Landwirtschaftlichen Kreisvereins seit 1879 bis 1887, Mitglieddes Landes-Kulturrats und des Fürstlichen Landwirtschaftsrats (für Reuß), Schriften über Olden-burg, Landwirtschaftsschulen, Zölle :c., Mitglied des Reichstags seit 1878 für Borna-Rochlitz.
2) Auszug aus einem Artikel der „Germania", betreffend die Parteistellnng Bismarck's,und Bemerkungen der „Weimarschen Zeitung" hierzu („Post", 1884, Nr. 229 und 230).
3) Über die Einleitung einer Untersuchung gegen den Abgeordneten I)r. Möller wegenBeleidigung des Fürsten Bismarck vergl. die „Post" Nr. 77 vom 18. Mürz 1884.