daß die Unfallversicherung auf der Basis der Berufsgenosfenschaft in das Lebengerufen werde, was bekanntlich auch eine Lieblingsidee Bismarck's war.
Nur ein Gebiet giebt es, auf dem sich die Wege Bismarck's vou denenLohren's trennten. Im Gegensatz zu dem Kanzler trat Lohreu dafür ein, daßin der Frage des Arbeiterschutzes wenigstens ein Schritt geschehe^); Lohrenpredigte so gut wie Bismarck, daß der erwachsene männliche Arbeiter volle Freiheitüber die Verwendung seiner Arbeitskräfte behalten müsse und deshalb durchGesetze möglichst wenig beschränkt werden dürfe. Eine Ausnahme glaubte eraber in Bezug auf die Arbeit der Frauen und jugendlichen Arbeiter statuierenzu müssen und bedauerte oft, daß in diesem Punkte der Fürst die Ansichten Loh-mann's und des Freiherrn von Stumm teilte, welche seiner Ansicht zufolge wohldie Arbeitsverhältnisse der Männer, nicht aber diejenigen der Frauen richtig beur-teilten.
Bei den zwanglosen parlamentarischen Soireen hatte Lohren wiederholtGelegenheit, das wahrhaft fabelhafte Gedächtnis Bismarck's zu bewundern. Huseinen Citaten konnte man dem Fürsten niemals einen Fehler Nachweisen. Vouseiner Geschichtskenntnis — so bemerkte mir Lohren — gab er erstaunlicheProben. Es war, als ob er bei Berührung irgend eines Ereignisses im Kopfenur die Seitenzahl eines Geschichtswcrkes aufzuschlagen und die betreffende Stelleabzulesen brauchte. So stand mit einem Schlage alles gegenwärtig vor ihn: da.Ein ähnliches Gedächtnis hat vielleicht im ganzen Reichstag nur Wiudthorstgehabt. Der letztere überraschte insbesondere darin, daß er, wenn er auf dieAusführungen eines Vorredners zu sprechen kam, nicht bloß einen, sondern oftzwei bis drei Sätze desselben fast vorbo-tonus wiedergab. Seiner Kurzsichtigkeitwegen war dies allerdings auch sehr notwendig, da er Notizen kaum verwertenkonnte. Erschienen ihm solche unentbehrlich, so ließ er sie sich von seinem Nachbarnotieren und in den kleinen Pausen während seiner Rede zuflüstern. Bei Bismarckist das in den schwierigsten Situationen niemals vorgekommen. Für ihn wardie Pause nur das Werk der staunenswertesten geistigen Concentration seinesGedankenreichtums und der ihm gebotenen diplomatischen Vorsicht in der Wahlder Worte. Bei heftigen seelischen Erregungen trat die Geistesarbeit auch äußer-lich sichtbar in die Erscheinung. Das große Auge nahm einen grellen Glanz au,die Brust dehnte sich und der linke Unterarm geriet in Schwingung. „Der Fürstist sehr erregt, — äußerte einmal der Abgeordnete Minister vou Puttkamerzu Lohren — sehen Sie nur, wie der Arm höher geht; wenn der Ellenbogeneinen rechten Winkel erreicht, schlägt der, Blitz ein". — Und richtig, gleichdarauf fuhr die Bezeichnung „sujot mixto" auf den Abgeordneten l)r. Bambergernieder, daß dieser heftig zusammenzuckte. — Solche Atomente hatten für männlicheNaturen einen unbeschreiblichen Reiz, weil sie meistens den Stempel des Außer-
>) Ich verweise auf das Werk: Die Reden unsres Landtags- und ReichstagsabgeordnetenHerrn A. Lohren 1881—1884. Nach den stenographischen Beuchten znsammengestellt vomKonservativen Bolksverein des Niederbarnimer Kreises, Berlin 1884; desgleichen II. Teil 1884bis 1890, Berlin 1890.