Druckschrift 
3 (1896) 1879 - 1890
Entstehung
Seite
72
Einzelbild herunterladen
 

72 Die erste Session der V. Legislatur-Periode des Reichstags

Wahlkreise nicht mehr gewählt wurde. Freiherr von Varnbüler^) verschmähte es,im Wahlkreise herumzureisen; er konnte mit Recht geltend machen, daß er über-all bekannt sei und sich ans Wahlreisen mit obligaten Reichstagsreden nicht ein-zulassen brauche. Gleichwohl unterlag er einem Kandidaten von der Volkspartei,der sich rühmte, nicht orthographisch schreiben zu können.

Auch von Helldorff unterlag in der Wahl und hatte gleichzeitig das Unglück,bei einem Sturz mit dem Pferde sich so zu verletzen, daß er mehere Monate lag.Derselbe blieb aber als Vorstandsmitglied des konservativen Wahlvereins in Ver-bindung mit der Politik und war öfter in Berlin, so u. a. am 19. Januar 1882bei Bismarck zu Tisch. Helldorff fand den Kanzler leidend und recht verstimmt.

Über die Niederlage des Grafen Fred Frankenberg schreibt derselbe:Ichwußte wohl, daß mir viele Gegner daraus erwuchsen, daß ich das Tabaks-monopol für eine eminent vernünftige Einrichtung ansah, und dies gefiel denProduzenten des berühmten OHIaner und Wansener Krautes nicht.

Mich bekümmerte es wenig, wohl aber wurde ich stutzig, als ein hoch-konservativer Rivale mir gegenübertrat. So ungefährlich auch die Persönlichkeitwar, so bedenklich war die Spaltung. Die Fortschrittspartei begriff ihren Vorteilaugenblicklich, und aus Berlin wurde als liberaler Kandidat ein BierbrauerNamens Goldschmidt^) (aber aus alter christlicher Familie, wie es in seinemWahlaufruf hieß) entsendet, den niemand im Wahlkreise kannte. Die liberaleAgitation war ebenso geschickt als die konservative unglücklich geleitet, und ichkam mit dem Berliner in die Stichwahl. Bei den üblichen 3500 Stimmender christlich Konservativen", wie hier das Centrum sich nannte, lag die Ent-scheidung. In einer großen Wähler-Versammlung in Strehlen trat mir ein Kaplanund ein jüdischer Doktor Schulter an Schulter entgegen; da war mir die Situationnicht mehr unklar. Ich unterlag am 16. November mit 6370 gegen 8 743.Die Kreise Strehlen und Nimptsch hatten mich gewählt; der an Stimmen zahl-reichere Kreis Ohlau hatte gegen mich entschieden. Die Führer hatten michgerade dort abgehalten, persönlich zu erscheinen, sie wollten alles allein machen.In Nimptsch und Strehlen hatte ich selbst agitiert und der Erfolg sprach fürmich. Im ersten Moment traf die Niederlage mich hart. Sieben Jahre hatte

0 Es mag hier an einen parlamentarischen Witz erinnert werden, der sich an seinenNamen knüpft. Im Jahre 1878 stellten bekanntlich die Abgeordneten Buhl und Varnbüler denAntrag ans eine General-Enquete zur Vorbereitung der Zolltarif-Revision. Für diesen Antraghatte man etwa zweihundert Stimmen geworben. Als aber die Sache im Reichstag von allen Seitendiskutiert wurde, fiel einer nach dem andern ab und die Herren Buhl und Varnbüler mußtensich beeilen, den Antrag zurückzuziehen, um ihn vor der Ablehnung zu bewahren. Damalsersand man folgende Steigerung: Positiv: Buhl, Komparativ: Bühler (ein oberschlesischerEisenmann), Superlativ: Varnbüler.

h Goldschmidt, Johannes Friedrich, Branereidirektor, Hauptmann a. D. und Handels-richter am Landgericht I. zu Berlin. Geb. den 20. Februar 1837 (evangl.). Verfasser ver-schiedener volkswirtschaftlicher Schriften. Nach der Wahl im 5. Regierungsbezirk Breslauschloß sich derselbe derLiberalen Vereinigung" an.