70 Die erste Session der V. Legislatur-Periode des Reichstags
aber durch das Schlußergebnis weder entmutigt noch überrascht'). „ChronischeZeiten — so bemerkt er in einem Dankschreiben auf ein Ergebenheitstelegrammdes Vereins deutscher Studenten in Leipzig — fordern Zeit und Geduld
Bezeichnend ist noch das folgende Telegramm, welches der Kanzler an daskonservative Centralkomitee in Berlin auf die Anzeige von den: ungünstigenBerliner Wahlresultat aus Varzin richtete: Ich danke verbindlichst für Ihr Tele-gramms und werde für jede Unterstützung dankbar sein, die ich in dein Kampfegegen die meiner Überzeugung nach Kaiser und Reich gefährdenden Bestrebungender Fortschrittspartei erhalte. von Bismarck.
Bei mehreren Wahlkandidaten bedauerte der Kanzler das denselben ungünstigeWahlergebnis. An das Mitglied des Abgeordnetenhauses von Rauchhauptrichtete derselbe das nachstehende Schreibens:
Berlin, den 22. Dezember 188l.
Ew. Hochwohlgeboren und Ihren Auftraggebern danke ich verbindlichstfür die freundliche Gesinnung, welche das Telegramm vom 19. d. M. zumAusdruck bringt"). Gleichzeitig spreche ich Ew. Hochwohlgeboren mein Be-
>) Vergl. den Artikel „Die Reichstagswahlen und der Reichskanzler" in den „Grenzboten",40. Jahrgang (188t), IV. Quartal, S. 301—307. Konsequenzen der den politischen Schwer-punkt erheblich nach links verrückenden Wahlen. Hoffnung und Notwendigkeit. Der Kanzlerwerde, wenn auch angeckelt von der sich in den Wahlen anssprechenden Undankbarkeit, gleich-wohl rnr Amte bleiben.
2) Am Abend des Wahltages (27. Oktober) war in Leipzig der Verein deutscher Studentenversammelt, um die Siegesbotschaften in Empfang zu nehmen. Ein Studiosus Hahn feiertein beredter Ansprache den deutschen Reichskanzler. Den ersten Schatten über die freudigeStimmung warf der wenig befriedigende Wahlausgang in Leipzig. In Betrübnis versetzteaber alle Anwesenden ein in der zwölften Nachtstunde vom Berliner Kartellverein einlaufendesTelegramm mit dem Inhalt: „Fortschritt viermal gesiegt, zweimal Stichwahl mit Sozial-demokrat." Mit bewegten Worten beklagte Studiosus Hahn dies unerwartete Resultat. Manbeschloß, die Kneipe sofort auszuheben, den Reichskanzler aber noch in derselben Stunde aufsneue der unentwegten Ergebenheit des Vereins zu versichern. Darauf ging noch am selbenTage ans Varzin ein Antwortschreiben ein, in dessen Schlußsätze es heißt: „Ich freue michaus Ihrem Telegramm zu ersehen, daß der Verein deutscher Studenten im festen Vertrauen aufdie Zukunft mit mir übereinstimmt."
3) Das Telegramm lautete: „Ew. Durchlaucht beehrt sich das 6. 6. 0. ergebenst anzu-zeigen, daß es angesichts des heute offiziell festgestellten Wahlresultats für Berlin den festenEntschluß gefaßt hat, den Kampf gegen den Berliner Fortschrittsring mit ungeschwächten Kräftensortzusetzen, und sich bemühen wird, so viel an ihm liegt, zur Heilung des an unserm Staatslebenfressenden chronischen Übels beizutragen."
4) In Kohl's Bismarck-Regesten nicht erwähnt.
Zn einer von Wablmännern der konservativen Partei in Delitzsch am 19. Dezemberabgehaltenen Versammlung wurde beschlossen, folgendes Telegramm an den Fürsten Bismarckabzusenden. „Sr. Durchlaucht dein Fürsten Bismarck. Die konservativen Wahlmanner desDelitzsch-Bitterfelder Wahlkreises, welche mit großer Majorität den konservativen Kandidatenzum Abgeordnetenhanse gewählt, entsenden Ew. Durchlaucht den vollen Ausdruck ihrer Über-einstimmung mit der von Ihnen befolgten Reformpolitik. Wolle Gott Ew. Durchlaucht dieKraft zur siegreichen Durchführung Ihrer Pläne voll verleihen, von Ranchhanpt."