Druckschrift 
3 (1896) 1879 - 1890
Entstehung
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66 Die vierte Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags

absolutismus ist sehr wohl durchführbar und oft in der Geschichte dagewesen,zuweilen als vorübergehender Eingriff eines allzumächtigen Geistes, aber auchdauernd als die letzte Phase einer untergehenden Nation. Der Parallelen ent-halte ich mich; sie könnten nicht schmeichelhaft sein."

Wir behaupten so wurde ihm damals von dem Abgeordnetenvr. Delbrücks geantwortet daß dabei in erster Linie gedacht werden muß aneinige Minister in dem letzten Menschenalter des weströmischen Reiches, z. B.Stilicho; an die fränkischen Hausmeier; an einige türkische Großveziere aus denletzten Jahrhunderten; einige spanische Minister und endlich und vermutlich vorallem an den Kardinal Richelieu. Mommsen selbst fügt hinzu, daß die Parallelenicht schmeichelhaft sein soll. Nun, was die Person des Reichskanzlers betrifft,so kann dieser sich eigentlich über den Vergleich nicht weiter beklagen. JeneMinister waren meist ausgezeichnete, um ihr Land im höchsten Maße verdienteStaatsmänner. Für wen also soll der Vergleich nicht schmeichelhaft sein? Sehenwir uns die historischen Persönlichkeiten etwas näher an. Stilicho regierte dasweströmische Reich unter dem Kaiser Honorius. Dieser Kaiser beschäftigte sichin dem festen Ravenna mit der Hühnerzucht, während Alarichs Westgoten dieStadt Rom belagerten und erstürmten. Der Großvezier Mehemet regierte dasosmanische Reich unter den Sultanen Selim und Murad, die mit matten Augensich an den Tänzen der Sklavinnen des Serails ergötzten und keine andre Leiden-schaft kannten, als Frauen und Gold. Richelieu bändigte den mächtigen Feudal-Adel Frankreichs unter Ludwig XIII; einem krankhaften und schwächlichen Manne,der seinen Minister behielt, mehr, weil er sich vor ihm fürchtete, als weil er dieMaßregeln seiner Politik gebilligt hätte. Wie, sagt der geneigte Leser undschüttelt mit den« Kopfe das ist ja aber unmöglich, das ist ja Unsinn, daran kannMommsen nicht gedacht haben. Wie hätte er so etwas meinen können? Wiekann man solche Parallelen ziehen wollen? Was ist denn gerade das eigentüm-lich Große unsrer Zeit? Ist es nicht die einzige Erscheinung in der Geschichte,daß ein Monarch das Glück und das Geschick gehabt hat, sich einen Staatsmannund einen Feldherrn zur Seite zu stellen, die den ersten Staatsmännern undFeldherren beigezählt werden, diesen Männern den entscheidenden Einfluß bei derFührung im Kriege und Frieden einzuräumen und dennoch nicht von ihnen inden Schatten gestellt zu werden was sagen wir, gerade durch die Hilfe dieserMänner erst auf die Höhe der Menschheit gehoben zu werden, in einer Vor-nehmheit dazustehen, welche jeden Vergleich ausschließt, die Königswürde ganz inderselben Fülle und Gewalt darzustellen, wie seine Gehilfen die Leistungen derPolitik und der Strategie repräsentieren? Ist es nicht gerade das, was dasdeutsche Volk mit einer so grenzenlosen Dankbarkeit und Verehrung erfüllt hatfür seinen Kaiser, daß er sich mit solchen Ratgebern umgeben hat? Ist es nicht neben

') Delbrück, Hans, Professor der Geschichte an der Universität Berlin, geb. am 11. No-vember 1848 zu Bergen auf Rügen. 18821885 Mitglied des preußischen Abgeordneten-hauses, seit 1884 Mitglied des Reichstags.