1881
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außerordentlich, da er (der Kanzler) hierdurch um das Vergnügen mancher an-genehmen Plauderstunde komme, welches ihm dessen Anwesenheit in Berlin ver-schaffe — politisch genommen sei es ihm aber völlig gleichgültig, ob der Herrsich wieder wählen lasse oder nicht, da der Reichstag ja doch keine zuverlässigeMehrheit liefere, mit der man politisch rechnen könne, man müsse sich also, solange keine andre Zusammensetzung zu erzielen sei, auch ohne ihn zu behelfensuchen.
Die Sache lag aber doch etwas anders. Bismarck bat Stumm, sich dochüber die Sache hinwegzusetzen; Maybach sei durch Durchführung der Eisenbahn-verstaatlichung nun einmal nicht entbehrlich. Stumm blieb aber fest; er könnedas Vorgehen des Ministers nicht ruhig hinnehmen. Opposition wolle er aberder Regierung auch nicht bereiten. —
Noch nie waren einem Abgeordneten von Bismarck solche Elogen gesagtworden, als dem Abgeordneten von Bennigsen in der Reichstagssitzung vom 5. Mai1881ch.
Wem war bisher das Zeugnis erteilt worden, daß er von allen seinenFraktionsgenossen Bennigsen allein als den betrachte, der ihn „am meisten ge-fördert" habe und daß „ihm das Deutsche Reich jedenfalls großen, sehr großenDank schulde". Diese ostentative Äußerung der Verdienste Bennigsen's erhieltaber ein ganz bestimmtes Relief durch den Zuruf: „Laß dich vom Linkennicht umgarnen", den der Reichskanzler sehr deutlich dahin interpretierte, daßes ein großer Verlust für das Reich und die Reichsregierung sein würde, derdem Reichskanzler persönlich sehr nahe gehen würde, wenn sich Bennigsen derReichsregierung entfremden und eine Kontinuität zwischen Nationalliberalen undder Opposition bis zu den Sozialdemokraten Herstellen würde, während er sichbisher immer noch der Hoffnung hingegeben habe, es würde sich eine Ver-schmelzung der Partei Bennigsen's mit den weiter rechts stehenden anbahnenlassen. Dieser warme Appell an Herrn von Bennigsen erinnerte fast an den Aus-spruch Wallenstein's: „Max, bleibe bei mir, geh nicht von mir, Max!" Damittrat Fürst Bismarck mit aller Energie in den Wahlkampf und die Parteibildunghinein und widerlegte die Angriffe, welche die offiziöse Presse gegen die National-liberalen in letzter Zeit gerichtet hatte 2).
y Vergl. über die Auseinandersetzung zwischen Bismarck und Bennigsen die „Post" 1881,Nr. 124, 125, 127, ISO u. die „Vossische Zeitung" v. 6. Mai 1881, Nr. 209. — 29. Mai 1881 RedeBennigsen's in der Landesvcrsammlnng der nationalliberalen Partei („Post" 1881, Nr. 265,und Schultheß' Geschichtskalender, S. 201). — 9. Oktober 1881 Magdeburger Rede Bennigsen's(Schultheß, S. 260 Wiermann, a. a. O., Bd. II., S. 53).
2) Aber auch noch im spateren Wahlkampf bekamen die Nationalliberalcn von dersogenannten Regierungspresse manches Unangenehme zu hören. So behauptete die „NorddeutscheAllgemeine Zeitung" von dem Programm der nationalliberalen Partei, es liege in ihm die, Absicht, die Regierung zu bekämpfen: „Diejenigen bisherigen Mitglieder der natioualliberalenPartei, welche dieses Programm acceptieren, sind sich bewußt, daß seine Spitze mehr gegen denReichskanzler, wie gegen die Fortschrittspartei gerichtet ist."