58 Die vierte Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags
daraufhin eine Resolution gefaßt, welche sich im wesentlichen auf den StandpunktStumm's stellte, nur seinen ursprünglichen Antrag ans der einen Seite mehrgeneralisierte.
Die Kommissare der verbündeten Regierungen erwiesen sich damals demAnträge wenig entgegenkommend. Daß der Kanzler dem Anträge weit sympa-thischer gegenüberstand als die in der Reichstagskommisston aufgetretenenRegierungskommifsare, beweist der Umstand, daß Fürst Bismarck nach dem Schlüsseder Reichstagssessiou alsbald die deutschen Bundesregierungen in einem Rund-schreiben ersuchte, eingehend alle diejenigen Fragen zn erwägen, welche eben vonder Reichstagskommission beraten worden waren.
Am 19. Februar 1880 kleidete Stumm seinen nunmehr zum drittenmalgestellten Antrag in die Form einer Interpellation'), welche am 27. Februar imReichstag von ihm begründet und demnächst vom Minister Hofmaun beantwortetwurde 2). Derselbe — und man darf aus seinem Munde auf die Dispositiondes Kanzlers schließen — erkannte den Stnmm'schen Gedanken, daß der Arbeiter,der durch Alter oder sonst infolge der Arbeit erwerbsunfähig geworden ist, nichtder öffentlichen Armenpflege zur Last fallen soll, sondern in andrer Weise eineangemessene Versorgung finde, als richtig an und wies nur noch auf dieSchwierigkeit einer gesetzlichen Regelung der Materie hin. Die betreffendeSchwierigkeit hatte aber die Regierung bereits im folgenden Jahre, also über-raschend schnell, überwunden.
Im Laufe der Jahre sah Stumm Bismarck häufig; er bat gewöhnlichum eine Audienz und bekam dann.regelmäßig eine Tischeinladung, in deren Ver-laufe das Gewünschte zwanglos besprochen wurde. Bei einer solchen Gelegenheitkam auch der eiugaugs erwähnte Austritt Stumm's aus dem Reichstage zurSprache, der wegen der Haltung des damaligen preußischen Arbeitsminifterserfolgte.
Die Blätter („Vossische Zeitung" vom 25. Mai 1881, Nr. 240) brachtenfolgende Version: Neulich besuchte ein der Rechten ungehöriger Abgeordneter, dervor kurzem in einer vielbesprochenen Angelegenheit (betreffend das Verbot einerkleinen Zeitung) ziemlich scharf mit dem Minister Maybach zusammengeriet, denKanzler, um ihm u. a. zu erklären, er gedenke bei den nächsten Wahlen dieFlinte ins Korn zu werfen und nicht wieder zu kandidieren. Ein Vergnügen seifür ihn der Aufenthalt in Berlin nicht, sondern ein großes Opfer; komme nunnoch hinzu, daß man für seinen guten Willen, gegen die sozialdemokratischenHetzer zu wirken, statt Dank und Unterstützung zu erhalten, vielmehr vom Re-gicrungstische zurecht gewiesen und faktisch im Stich gelassen werde, so sei eseben nicht zu verwundern, daß das Resultat davon Überdruß an der Ab-geordnetenwirksamkeit und Aufgeben dieser politischen Thätigkeit bedeute. DerKanzler erwiderte gelassen, er bedaure diesen Beschluß des Herrn Abgeordneten
') Nr. 17 der Drucksachen, 4. Legislaturperiode, III. Session 1880.2 Stenographische Berichte S. 147—168.