48 Die vierte Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags
Die Neigung, mehr zu beobachten als zu sprechen, wurde im Frühjahr 1881durch die politische Lage in Preußen dem Abgeordneten von Goßler zur Pflicht;die Schwierigkeiten, welche damals zwischen dem Fürsten Bismarck und demFinanzminister, dem Minister des Innern,- dem Vizepräsidenten des Staats-ministcrinms bestanden, und sich durch das Auswahlen ihrer Nachfolger steigerten,die Besetzung des Ministers des Innern niit dem damaligen Kultusminister, dieoft wechselnden Kandidaturen für letzteren Posten und Herrn von Goßler's per-sönliche Stellung zu diesen Fragen ließen eine strenge Zurückhaltung desselbenals selbstverständlich erscheinen. Als Goßler's Präsidium sich dem Ende zuneigte,fand zwischen ihm und dem Fürsten Bismarck im Reichstagsgebäude die Ver-handlung über seine Nachfolge im Kultusministerium statt si.
Während der Amtsthätigkeit des Präsidenten von Goßler im Frühjahr desJahres 1881 beklagte sich Fürst Bismarck einmal, daß seine Reden von denStenographen nicht richtig wiedergegeben würden. Die Beschwerde des Kanzlerswurde von Goßler eingehend geprüft. Es stellte sich heraus, daß ein Stenographein paar Lücken in seinem Stenogramm gehabt und dieselben selbständig aus-gefüllt hatte, ohne seinen Kontrolkollegen zu Rate gezogen zu haben. Die Un-regelmäßigkeit beruhte aber auf einem Versehen und nicht aus böser Absicht desbetreffenden Stenographen ^).
p Wegen der längeren Unterredung zwischen Bismarck und dem Präsidenten von Goßleram 24. Februar 1881 vergl. die „Post", Nr. 57.
°) In einem Aufsätze „Heiteres aus den Parlamenten" („Berl. Tageblatt", 15. Zannar 1895,Nr. 25) heißt es: „Diesmal ist leider Unsinn stenographiert worden!" beschwert sich ein Red-ner, der eS mit der logischen Folge seiner Worte und Sätze nicht immer genau nimmt. „Aberwörtlich!" erwidert der schlagfertige Stenograph, der seine Art kennt. Ein guter Redner wirdauch ein gutes Stenogramm bekommen. So plauderte der Reichstags- und SandtagsstenograghZ. Rindermann ani Donnerstag im Stolze'schen Stenographenverein und legte dieUrsachen akustischer, physiologischer und psychologischer Art dar, die einen Stenographen oderseinen Schreiber etwas verhören oder verschreiben, den Redner sich versprechen und„verheddern" lassen, ohne daß es häufig andre als stenographisch geschulte Ohren merken.Den deutschen Parlamentariern empfahl Redner, sich gleich den norwegischen nicht bloß Tage-gelder und freie Fahrt, sondern vor allem auch freie zahnärztliche Behandlung gewähren zulassen. Von Hörfehlern ungeübterer Stenographen eine kleine Probe: Ans der „Großmut derStadt Leipzig" wurde eine „Großmutterstadt Leipzig". Ein Bayer fand, daß er vom „Hochver-räter Frhr. v. Huene" statt vom „hochverehrten Frhr. v. Huene" gesprochen haben sollte. FürstBismarck hatte sein bekanntes: „Ich sterbe wie ein Pferd in den Siehlen!" gesprochen. DerStenograph kannte oder verstand das Pferdegeschirr nicht, er glaubte „Siegen" zu hören; auchdie Sätze vorher waren undeutlich gewesen, und so bildete er sich ein, es müsse heißen: „Einguter Feldherr stirbt im Siegen!" „Die Synode" eines Sachsen war „diese Note" geworden,und wollte so natürlich schwer in den Sinn passen. Erfahreneren Stenographen begegnen solcheHörfehler natürlich kaum, dafür aber um so häufiger den Schreibern, denen er sein Steno-gramm in die Feder diktiert. Bei längerer Arbeit werden diese völlig mechanisch und achtenauf den Sinn der Worte nicht mehr. So laS man statt „vor der 48. Sitzung" einst „vorder Achtung wird sich die Sitzung", statt „irrelevant" ein „ihr Elefant." Der Stenographsucht sich manchmal die Langweiligkeit des Abdiktierens dadurch zu verkürzen, daß er denTert seines Stenogramms mit den Büreanwitzen verbrämt. Er spricht vom „Stuß der Sitzung",wenn er ihren „Schluß" meint, eröffnet die „Schwitzung" statt „Sitzung" u. s. f. Häufig sind