46 Die dritte Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags
gegen seine Reichseisenbahnidee und fuhr dann niit erhobener Stimme fort, daß, wennBayern, Sachsen, Württemberg ihre Staatsbahnen dem Reiche abzutreten nichtgeneigt seien, Preußen durch Erwerbung der preußischen Privatbahnen seinemPlane möglichst nahezukommen haben werde, was ja auch später geschehen ist.
Die Erörterung des Eisenbahnwesens führte nahezu von selbst auf denWasserverkehr, und hierbei erwies sich der Fürst, wovon damals kaum etwasbekannt war, als ein besonderer Freund der Wasserstraßen, sowohl in betreff derdamals noch recht mangelhaften Regulierung der laufenden Gewässer, als desBaues von Kanälen. Der Fürst beklagte, daß zu einem rascheren Vorgehen inder Regulierung der deutschen Ströme die entsprechenden Geldmittel fehlten, auchim preußischen Landtag das rechte Verständnis für die Bedeutung leistungsfähigerWasserstraßen bei der Majorität noch nicht vorhanden sei. Einige wenn auchnur flüchtige Bemerkungen ließen vermuten, daß den: Fürsten nur zu wohl be-kannt war, daß bis zum Jahre 1879 die eifrigsten Gegner der Wasserstraßenin der Eisenbahn-Abteilung des preußischen Ministeriums der öffentlichen Ar-beiten saßen und Anregungen des Fürsten dort passiven Widerstand gefundenhatten. Von den Strömen hielt der Fürst in erster Linie die Vertiefung derElbe, sodann des Rheins, der Oder und Weichsel für notwendig, worauf dieandern Ströme und die Nebenflüsse zu folgen hätten. Da außer der Donaualle deutschen Ströme dieselbe Richtung (nach Norden) verfolgen, eine Quer-verbindung aber erst von der Elbe bis zur Weichsel vorhanden sei, müsse durcheinen Kanal vom Rhein zur Elbe (Mittellandkanal) abgeholfen werden.
Gestreift wurden sodann vom Kanzler noch das Anwachsen der Sozial-demokratie und die Arbeiterfrage. Mit der ihm eigentümlichen Lebhaftigkeitbetonte der Fürst, wie viel Wert seinerseits darauf gelegt werde, daß bei dererst in Aussicht genommenen Kranken- und Unfallversicherung möglichst wenigder Arbeiter belastet werde. Auch dem Arbeitgeber dürste man mit Rücksicht aufdie auswärtige Konkurrenz zn hohe Beiträge nicht zumuten, den erforderlichenZuschuß habe der Staat zu decken und die dazu erforderliche Deckung könntedurch das Tabaksmouopol verschafft werden.
Die vorstehende Schilderung des Abgeordneten Rentzsch ist nur insofern nichttreu, als er bei der Aufzeichnung die Gegenstände der Unterhaltung systematischgeordnet hat. Die Unterredung selbst bewegte sich keineswegs in so thematischabgegrenzten Bahnen, vielmehr sprang der Reichskanzler von einem Gesprächs-thema zu dem andern über, erörterte bei der Zollfrage die bessere Stellung desArbeiters, gelangte bei dem Eisenbahnwesen zum Schutzzoll zurück, kam auch beiBesprechung des Exports gelegentlich auf Amerika und Asien zu sprechen. „Kurz,wir regierten in dieser einen Stunde die ganze Welt, aber wohl verstanden:Bismarck regierte und ich — hörte zu." Indessen gab der Fürst seinem Be-sucher auch Gelegenheit zu einigen Gegenbemerkungen. Wie dieselben gelautethaben, h^t mir Herr Rentzsch, offenbar von einer zu weit gehenden Bescheidenheitausge'And, nicht mitgeteilt.