volkswirtschaftliche Fragen studiert und sich mit der Statistik als HilfswissenschaftJahre hindurch beschäftigt hat, kann es kaum noch als ein sonderliches Verdienstgelten, etwaigen entsprechenden Fragen gegenüber sattelfest zu sein: der Abgeord-nete Rentzsch hatte indessen nicht erwartet, den Fürsten mit den einschlagendenThatsachen und Ziffern schon so vertraut zu finden, als ob von Jugend aufNa tionalökonomie und Statistik zu seinen wissenschaftlichen Lieblings-fächern gehört hätten.
Folgerichtig gelangte sodann das Verkehrswesen, und zwar zu Wasser wiezu Lande, durch den Fürsten zur Erörterung, allerdings nunmehr mit stärkererBetonung der Land- und Forstwirtschaft. Der Reichskanzler sprach sich auchdiesmal über das Gütertarifwesen der Privat- ebenso der Staatsbahnen tadelndaus, betonte jedoch, daß die Staatsbahnen ihre Ausnahme- und Differenzialtarife,Refaktien re. ohne erhebliche Verluste nicht wohl allein aufgeben könnten. Durchdie Gesetzgebung ft müßten die Regierungen in die Lage versetzt werden, diePrivatbahnen zu der Beseitigung der schreiendsten Übelstände zwingen zu können.Besonders lebhaft wandte sich der Fürst gegen die damals noch bestehendenniedrigen Ausnahme-Tarife für die Einfuhr von Getreide aller Art, Holz u. a.aus Rußland und Österreich. —
„Als Ideal schwebt mir vor, daß in Deutschland alle vom Ausland ein-gesührten Güter um so und soviel Prozent der Frachrkosten teurer gefahrenwerden, als inländische Erzeugnisse. Ich kann nicht dulden, daß der der Land-wirtschaft wie der Industrie zu gewährende mäßige Zollschutz durch die billigereTarifierung des Auslandsgnts wieder aufgehoben wird. Der Handel wird sichdagegen auslehnen, die Einsichtigeren werden aber doch wohl begreifen lernen,daß ohne ein kaufkräftiges Inland, ohne erstarkte Industrie und Landwirtschaftder Handel zurückgehen muß."
Im weiteren Verlauf gab der Fürst selbst zu, daß Differenzfrachten zwischenin- und' ausländischem Transportgut doch wohl nicht durchzuführen seien undfügte hinzu, daß sein Plan, alle Eisenbahnen vom Reich anznkanfen, nicht nurvon der Hoffnung getragen werde, dem Reiche neue Einnahmequellen zu erschließen,vielmehr von dem Gedanken, durch eine einheitliche Oberleitung dieselben ihregroße wirtschaftliche Bedeutung für den Verkehr ganz erfüllen zu lassen. DieBahnen hätten die landesüblichen Zinsen für ihr Anlagekapital aufzubringcn,außerdem einen angemessenen Beitrag für die Amortisation und Neubeschaffungendes abgenutzten Materials, auch sestzulegende Beträge für die Tilgung ihrer An-leihen — die Einnahmen über diese finanziellen Leistungen hinaus seien dagegenvorwiegend den: Verkehr durch generelle Frachtermäßigungen zuzuwenden.
Ganz kurz — mit schwächerer Stirn,ne und anscheinend im Selbstgesprächbegriffen — berührte sodann der Fürst den Widerstand der Partiknlarstaaten
>) Kurze Zeit vorher (7. Febr. 1879) hatte Fürst Bismarck einen die Regelung desEisenbahntarifmesens betreffenden Antrag an den Bundesrat gestellt. Derselbe findet sich ab-gedrnckt in meinem Werke: „Fürst Bismarck als Volkswirt", Bd. I., S. 185 f.