80 Die parlamentarischen Gesellschaften BiSmarck's »VN 1809 - 1890
Indessen, ich habe immer gesagt, der Rehrücken ist der größte Verführer zuJagdgeschichten; nnd das bestätigte sich auch diesmal. Mein verehrter Freund,Apotheker Nenbronner'), ans dem vormaligen Herzogtum Nassau, den gewißniemand für einen mordsüchtigen Jäger von Profession halten wird, hatte, alser Bismarck vorgestellt wurde, daran erinnert, wie sie weiland, als BismarckBundesgesandter in Frankfurt gewesen, zusammen in der Nähe Frankfurtsgejagt hatten.
„Ach, ja wohl," erwiderte Bismarck und schilderte nun den umstehenden,meist der annektierten Provinz Nassau augehörigen Abgeordneten die ihnenbekanntesten Persönlichkeiten Nassaus und Frankfurts jener Tage mit einerLebendigkeit und Lustigkeit, daß die Heiterkeit dieser süddeutschen Gruppe dieallgemeinste Aufmerksamkeit erregte. Namentlich war es die Schilderung des„dicken Danmer" mit seiner kolossalen Todesfurcht, welche die Söhne des jetzigenpreußischen Regierungsbezirks Wiesbaden entzückte. Daun fuhr Bismarck fort:
„Mit diesem „dicken Daumer" war ich eines schönen Herbstmorgens in derNähe von Frankfurt auch auf der Jagd gewesen. Als wir uns am Rande desWaldes hoch im Gebirge zur Rast niedersetzten, entdeckte ich zu meinem Schrecken,daß ich kein Frühstück mit hatte. Der „dicke Daumer" dagegen zog eine mächtige„Wurscht" hervor, die für mich allein gerade ausgereicht hätte und von der ermir edelmütig die Hälfte offerierte. Das Mahl begann; ich sah das Endemeines Wurstteils heraunaheu. Ich hätte vor Wehmut frankfnrterisch redenmögen. Da frage ich den „dicken Daumer" von ungefähr: „Ach sage Sie mir,Herr Daumer, was is doch das Weiße da unne, was ans de Zwetschebaimherausschaut?"
„Gott, Exeellenz, da möchte Eim ja der Appetit vergehn — das is derKirchhof."
„Aber, lieber Herr Daumer, da wollen wir uns doch bei Zeiten ein Plätzchensuchen, da muß sichs wunderbar friedlich ruhen."
„Nu, Exeellenz, nu leg i awer die Wurscht weg."
Der dicke Daumer blieb bei diesem Entschlüsse, und ich hatte mein ordent-liches Frühstück." Ringsum anhaltende Heiterkeit.
Neben mir stehen zwei der größten Juristen der Welt im tief durchdachtenGespräch. Alle Viertelstunden wird ein Wort eines Paragraphen des zukünftigennorddeutschen Strafgesetzbuches fertig. Da tritt Braun-Wiesbadens dazu undhört das Problem der Aufhebung der Todesstrafe erörtern. „Heben Sie dieTodesstrafe ruhig auf, meine Herren," sagte er.
„Ja, haben Sie ein Surrogat?"
g Nativnalliberalcr Abgeordneter des 1. Wahlkreises des Reg.-Bez. Wiesbaden.
2) I)r. Karl Braun, damals Anwalt beim Ober-Appellations-Gericht zn Berlin, einerder Abgeordneten, in deren Gesellschaft man Bismarck bei den parlamentarischen Abendenmit am liebsten verkehren sah. Neben Volk, Miguel, Bennigsen mar er einer der populärstenParlamentarier seiner Zeit. Zuletzt hat er sich in Freibnrg i. Br. niedergelassen und starb am14. Juli 1893.