l. Session des Norddeutschen Bundes und des Zollparlaments >869 3>
„Za, gewiß."
„Nun?" — — ruft die zünftige Jurisprudenz mit ungläubiger Spuuuung.
„Gott, lusfen Sie den Delinquenten in die norddeutsche Gewerbeoidnnngs-kommission wühlen.
„Apropos," sagte der schlimme Hennigzum schlimmen Ziegler^), der außerdem roten Becker und dem trefflichen Löwe^) heute allein hier die Fortschrittsparteivertritt, „wissen Sie denn, warum unser Garten-Telegraph, der die Abgeordnete»ans dem Reichstagspark zum Abstinnnen ruft, heute eine Viertelstunde lang fort-während klingelte, als gälte es dem Umsturz der Bundesverfassung oder einemExtrazug nach Bremen?"
„Nein."
„Za, der alte Patow war während seiner Rede von der Tribüne auf demDrücker des Telegraphen eingeschlafen." Die beiden Bösewichte nahmen ruhigeine Prise.
Da höre ich des Kanzlers Stimme wieder hinter mir. „Stoßen wir aufdie alten Farben Blau-Rot-Gold der Hannovera in Göttingen an, Herr Korps-bruder!" ruft er seinem alten Verbindungsbruder, Ober-Bürgermeister Frommeaus Lüneburgch zu. Und die beiden „alten Herren" gedenken in einem vollenmit einem Zuge geleerten Glase Maiwein der schönen Jugendstunden. Schondamals antwortete Bismarck auf die Frage, was er studiere: „Diplomatie". Erwar damals ein äußerst schmächtiger, hoch aufgeschossener feiner Studio, mitkeimendem Schnurrbart, berühmt durch seinen prachtvollen Neufundländer, weithingefürchtet durch seine Klinge, mit der er schon als Fuchs sämtliche Mitgliedereines feindlichen Korps abgeführt hatte. Freilich auch seine linke Wange giebtvernarbte Kunde von dem treulosen Wechsel des Waffenglücks. Der böse Feind,der ihm diese Quart „hereiugebracht", genießt sogar das Vertrauen eines Bruch-teils der norddeutschen Bevölkerung in dem Maße, daß er in den konstituierendenReichstag gewählt ward. Als er hier Bismarck sich vorstellen ließ, rief diesermit bezeichnendem Hinweis auf seiuen „Schmiß":
') Von Hennig, Stadtrat in Berlin, war ein besonders eifriges Mitglied des Central-wahlkomitees der Fortschrittspartei. Als die Regierung am 16. Mai >866 eine Verordnungoctroyierte, nach welcher Darlehnskassen gegründet wurden, die 35 Million Thaler DarlehnSkassen-scheine auSgeben sollten und allen öffentlichen Kassen die Berpflchtnng auferlegt wurde, dieseScheine anznnehmen, verfaßte er ein Flugblatt: „Nehmt kein falsches Geld an." Spaterstimmte er für Erteilung der Indemnität und wurde >866 ein Mitbegründer der national-liberalen Partei.
2) Franz Ziegler, Ober-Bürgermeister a. D. in Berlin, 1848 in den Stener-Verweigernngs-prozeß verwickelt, seines Amts, der Nationalkokarde und der Orden verlustig erklärt und zuFestnngsstrafe verurteilt.
ch Es ist lebhaft zu bedauern, daß der Abgeordnet vr. Löwe-Calbe keine Aufzeichnungenüber die Zeit seiner parlamentarischen Thätigkeit hinterlassen hat. Derselbe hatte eine außer-ordentlich hohe Achtung vor dem Charakter Bismarcks. Es lag aber in seiner Art, sich nichtvorzudrängen und voranzustellen, und so ist es möglich, daß es dem Fürsten Bismarck selbstunbekannt geblieben ist, welch' warmen Freund und Bewunderer er in Löwe hatte.
Nationalliberaler Abgeordneter für den 16. hannoverschen Wahlkreis.