wollen, heisst ihr Wesen aus ihr wegbringen; diese Mystik aner-kennen, ist ein Theil des Verständnisses, sich dieser Mystik hin-geben, ein Theil des Genusses der Kunst.
Waren diess nicht genau die Worte, so war es doch der Sinnder Ansicht meines Kunstfreundes; und läge nicht viel Richtigesdarin, so würden nicht so Viele sich factisch und praktisch dazubekennen. Aber sollten wir wirklich in unsrer Frage blos aufAutorität und Mystik verwiesen und gar keine Gesichtspuncteangebbar sein, welche hinter die Autorität zurückgehen, auf diesich jede weitgreifende Verirrung des Geschmacks berufen kann?Suchen wir doch bestimmtere Anhaltspuncte in Sachen unsrerFrage zu gewinnen, wobei sich Gelegenheit finden wird, auch dasRecht der vorigen Betrachtungsweise, so weit solches besteht, an-zuerkennen und selbst hervorzuheben.
Vor Allem nun ist festzuhalten, dass jede Abweichung derKunst von der Natur noch eines andern Motivs bedarf, als dass dieKunst überhaupt von der Natur abzuweichen, das Kunstwerk denStempel des schaffenden Künstlergeistes aufzuweisen habe, umsich als Kunstwerk zu beweisen, da sonst jede Phantasterei in derKunst gerechtfertigt wäre. Jede Abweichung der Kunst von derNaturwahrheit hat gewisse Nachtheile, die nur zu dulden sind,wenn sie durch grössere oder höhere Vortheile überwogen wer-den, wonach es gilt, sich Nachtheile und Vortheile klar zu machen.Wird nun auch die letzte praktische Abwägung beider immerSache des Künstler- und Kennergefühles bleiben, so wird es dochSache klarer Einsicht sein, die dazu gehörigen Gewichte besondersvor Augen zu haben. Denn so schwer es sein mag, eine Wagesicher zu gebrauchen, ist sie doch gar nicht zu gebrauchen, wennman nicht einmal die zur Abwägung dienenden Gewichte kennt.Sprechen wir zuerst von den Nachtheilen.
Indem alle Werke der bildenden Kunst etwas über ihre sinn-liche Erscheinung hinaus bedeuten und ihren Hauptinhalt indieser Bedeutung haben (Th. I., Abschn. IX. S. 116), besteht einTheil der Abweichungen der Kunst von der Natur darin, dass sieuns die natürlichen Mittel zur Anknüpfung gegebener Bedeutungenunvollständig, verkürzt, abgeschwächt wiedergiebt, so, wenn diePlastik bei den Statuen die Farbe, die Malerei von den Gestaltendas Relief weglässt, beide von einer ganzen Handlung nur einenMoment geben. Ein andrer Theil der Abweichungen besteht darin,