Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
45
Einzelbild herunterladen
 

45

dass uns die Kunst Erscheinungen mit andrer Bedeutung oderandre Erscheinungen für gegebene Bedeutungen bietet, als wirdurch die Wirklichkeit ausserhalb der Kunst an einander zuknüpfen gelernt haben, so wenn eine würdige MenschengestaltGott, eine Taube den heiligen Geist, ein stilisirtes Pferd ein Pferdbedeuten soll.

Die Nachtheile der Abweichungen erster Art liegen darin,dass danach mit dem sinnlichen Eindrücke zugleich die An-knüpfungspuncte für die Bedeutung dieses Eindruckes abge-schwächt, verkürzt wiedergegeben werden, womit die Kraft undVollständigkeit des Eindruckes von zwei Seiten zugleich leidet.

Wenn ich ein Gesicht in Wirklichkeit vor mir sehe, so ver-rathen mir nicht nur die bleibenden sondern auch die wechselndenZüge desselben das Leben der Seele dahinter; das gemalte hatblos bleibende dafür; und indess der Charakterausdruck einerGestalt vollständig nur in dem Verhältniss hervortritt, in welchemihre Theile gegen einander vorspringen und zurücktreten, giebtuns das gemalte Bild hievon nur einen abflachenden Schein. DieStatue anderseits lässt die Farbe weg, in der doch so viel vonCharakteristik und Schönheit der lebendigen Gestalt liegt.

Die Nachtheile der Abweichungen zweiter Art sind diese. Wirkommen vom natürlichen Leben zur Kunst; aus jenem sind unsdie Bedeutungen der Dinge geläufig geworden, nicht aus dieser.Indem nun die Kunst von der natürlichen Ausdrucksweise derBedeutungen oder natürlichen Bedeutung der Erscheinungen ab-weicht, empfinden wir entweder ein^n Widerspruch zwischen dergewollten Bedeutung und dem Ausdruck, der wde jeder Vorstel-lungswiderspruch missfällt, oder es entsteht eine Schwäche oderUnsicherheit des Eindruckes, oder wir knüpfen gar eine andre alsdie vom Künstler gewollte Bedeutung an. Kurz wir sind über dieBedeutung der Erscheinungen durch das natürliche Leben, dieWirklichkeit orientirt, finden uns durch jede Abweichung davonmehr oder weniger desorientirt und unterliegen den davon ab-hängigen Nachtheilen.

Zu diesen Nachtheilen negativer Natur tritt noch der Verlustpositiver Vortheile, die unter Umständen durch die treue Wieder-gabe zu erreichen wären.

An wie viele Gegenstände der Wirklichkeit knüpft sich dochfür uns ein lebendiges Interesse der Art, dass wir uns gern sei es