30
Es macht aber die Unsicherheit ihrer Unterscheidung über-haupt die Kategorien von Form und Inhalt nicht sehr brauchbar,an die Spitze ästhetischer Betrachtungen, wozu sie doch imStreiteder Formästhetiker und Gehaltsästhetiker erhoben werden, zutreten.
Im Allgemeinen ist es mit Beurtheilung eines Kunstwerkeswie mit Beurtheilung eines Menschen, an dem man Mancherleiloben und Mancherlei vermissen kann, ohne eine Formel zu haben,nach der man ihn in Bausch und Bogen zulänglich beurtheilenkönnte. Sollte man sich etw'a auch bei einem Menschen streiten,ob er mehr nach seiner Form oder seinem Gehalt zu beurtheilensei? Aber niemand wird hier diese Kategorien recht brauchbarfinden. Man würde gleich fragen: wäre nicht vor allem erst dieauschauliche Form und die Form des daran an geknüpften geistigenInhalts zu unterscheiden ? ist nicht aber die Beschaffenheit des In-haltes selbst durch seine innere Form bestimmt und kann manalso vom Inhalt sprechen ohne seine Form mit inzubegreifen? Ichwüsste aber nicht, wiefern sich nicht ganz dasselbe betreffs Beur-theilung und Schätzung eines Kunstwerkes sagen Hesse. Auchhätte sich aus diesem allgemeinen Gesichtspunct der ganze Streitzwischen Form-Aesthetik und Gehalts-Aesthetik von vorn hereinals unfruchtbar abweissen lassen; da er aber doch einmal geführtwird, so suchte ich ihm im Vorigen noch so wrnit als möglich sach-lich beizukommen; wozu noch folgende Bemerkungen etwas bei-tragen mögen.
Wenn Formästhetiker das Interesse an Kunstwerken als eineigenthümliches Interesse in Anspruch nehmen, was sich ausser-halb der Kunst weder in der natürlichen Wirklichkeit , noch Wis-senschaft, Geschichte, Mythus u. s. w. trotz Gemeinsamkeit desInhalts mit der Kunst sondern eben nur durch die Formgebung derKunst befriedigen lasse, so haben sie freilich insofern Recht, alsdie Kunst überhaupt Bedingungen unmittelbaren Gefallens zuzu-ziehen, zu combiniren und in der Wirkung zu steigern vermag,w'ie es die kunstlose Natur, Wissenschaft u. s. w T . nicht versuchtund nicht vermag, wozu auch sonst eine Kunst. Die Kunst hat jaeben, wie wir sagten, den Zweck,, unmittelbar ei n mög lichstreines und ein höheres als blos sinnliches Wohlgefallen zu er-wecken, nimmt also auch in ihren Werken Mittel dazu möglichstzusammen und erreicht damit Erfolge, wie sie sonst nirgends