Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
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erreichbar sind. Aber der einseitige Formästhetiker fehlt dabeileicht in dreifacher Hinsicht.

Er fehlt erstens, wenn er die Eigentümlichkeit der Kunst-wirkung in etwas Andrem sucht, als eben in der Unmittelbarkeit,Reinheit und Höhe der Lustwirkung, welche sich durch einheit-liches Ineinanderarbeiten aller zu Gebote stehenden Mittel des Ge-fallens erzeugen lässt. In den einzelnen Mitteln hat die Kunst garnichts vor anderen Gebieten voraus noch Eigenthümliches für sich.In den formalen Bedingungen des Gefallens thut es die Wissen-schaft der Kunst nicht nur gleich, sondern in Wahrung der Wahr-heitsfoderung sogar noch zuvor, weil diese in ihr eine allen andernFoderungen übergeordnete Stellung hat, indess sie in der Kunstbei Conflicten mit andern Foderungen so viel nachgeben muss,dass doch im Ganzen mehr an Lust gewonnen als verloren wird,weil eben nicht die Foderung der Wahrheit sondern der Lust hierdie höchste Stelle einnimmt. Indess aber die Wissenschaft in die-ser Beziehung der Kunst vielmehr voransteht als nachsteht, küm-mert sie sich bei den Gegenständen, die sie behandelt, nicht umeinen Reiz, sei es der anschaulichen Form oder des angeknüpftenInhaltes. Die Kunst hingegen thut es. Aber sie wird oft von dernatürlichen Wirklichkeit darin nicht nur erreicht, sondern über-troffen. So schön der Maler ein Gesicht malen mag, den lebendigwechselnden Ausdruck kann er nicht malen; und wie sieht eingemalter Sonnenaufgang aus? Aber die natürliche Wirklichkeiterfüllt die Foderungen in dieser Hinsicht selten rein, und bleibtimmer hinter den formalen Foderungen zurück, ja die Foderung derWahrheit kommt besprochnermassen bei ihr gar nicht zurGeltung,und wie viel kann doch zum Gefallen an einem Kunstwerk bei-tragen, dass es mit seiner Charakteristik ganz aus dem Leben ge-griffen scheint. In diesen Beziehungen wird die Wirklichkeit vonder Kunst unsäglich überboten. Diese arbeitet nun die formalenVorzüge in die sachlichen der anschaulichen Form und des ange-knüpften Inhaltes hinein oder diese im Sinne von jenen aus, undsteigert beide dadurch wechselseitig in ihrer Wirkung, wie esweder Sache der Wissenschaft noch der natürlichen Wirklich-keit ist.

Indem solchergestalt die Kunst alle Mittel des unmittelbarenGefallens, über die sie zu verfügen hat, und über welche die an-dern Gebiete theils nicht vollständig, theils nicht rein verfügen,