Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
14
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wie jede Erkenntniss von Momenten und Gründen dessen, womitwir zu schaffen haben, im Allgemeinen bei, den Geist zu klärenund zu läutern, sondern hat auch seine Rückwirkung auf dieästhetische Empfindung selbst, sofern eine öftre Uebung, ästhe-tische Vorzüge und Nachtheile zu erkennen, solche allmälig auchdem Gefühle geläufig macht und ihre Wirkung von einem auf dasandre Werk überträgt. Ja man kann in der verstandesmässigenBeschäftigung mit Kunstwerken selbst einen Genuss eigner Artfinden, der beim sog. Kenner sogar oft das Hauptbestimmendeseines Interesses für die Kunst ist. Und gewiss wird der sich län-ger durch ein Kunstwerk unterhalten finden, der sich nicht blospassiv und kritiklos dem Eindruck desselben hingiebt, sondernauch nach den Gründen desselben und seiner Berechtigung fragt,indess freilich der, wer ohne die Basis eines rein und unbefangenin sich aufgenommenen Eindruckes immer gleich analysirend undmäkelnd an das Kunstwerk gehen will, nicht nur den Zweck derKunst, sondern auch den rechten Ausgangspunct kritischer Be-trachtung verfehlt.

Im Allgemeinen macht jedes Kunstwerk gleich beim erstenUeberblick einen gewissen Totaleindruck im Sinne vorwiegendenGefallens oder Missfallens, und zumeist, wenn schon nicht immer,stimmt damit der Eindruck des letzten Blickes oder Rückblickes,den wir auf das Werk werfen, überein. Geht man nun an dieAnalyse, so hat man vor Allem die Gründe der vorwiegendenRichtung dieses ersten Eindruckes aufzusuchen, wmdurch man amnatürlichsten in die Analyse des ganzen Werkes eingeführt wird,hat aber dabei nicht blos kritisch gegen das Werk sondern auchgegen sich selbst zu verfahren. Jedes Kunstwerk bietet viele Sei-ten und Gesichtspuncte der Betrachtung dar, und nicht leicht istJemandes Geschmack so vielseitig und vollkommen ausgebildet,dass er im ersten Ueberblick von Allem, was zum Totaleindruckbeizutragen hat, diesen Eindruck wirklich empfängt. Der Einesieht ein Bild zuerst und zumeist auf seine Farbebestimmung, derAndre auf den Stil, der Dritte auf die Schönheit oder den Ausdruckder Figuren, der Vierte auf Geschick und Geist der Composition,der Fünfte auf die gelungene Charakteristik, der Sechste auf denWerth oder das Interesse derldee, derSiebente auf die Vollendungder Technik oder der Achte auf die Correctheit an. Alles das hat imGrunde zum Totaleindruck zusammenzuwirken, wirkt aber nicht