Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

12

Foderung, schön zu leben, steht die Foderung, gut zu leben, waszwar bis zu gewissen Gränzen mit einander geht, aber auch inwichtige Gonflicte kommt. Niemand kann wahrhaft schön leben,der nicht zugleich wahrhaft gut lebt, denn die höchsten und edel-sten Genüsse, die wir uns selbst und Anderen zu bereiten imStande sind, hängen an der Güte des Lebens, und eine dauerndeBefriedigung ist ohne das nicht zu finden; aber nicht wohl kanngut leben, wer seine Absicht blos darauf richtet, schön zu leben,denn an der Güte hängen auch die schwersten Pflichten und Opfer,die nur ein günstiges Geschick ersparen kann und deren vollstän-dige Versöhnung selten in diesem Leben zu finden. Und hienachkann man fragen, ob es nicht besser sei, eine Kunst, schön zuleben, als zu verführerisch neben der Pflicht gut zu leben gar nichtaufzustellen, sondern die einzelnen Künste nur als zeitweisen undörtlichen Schmuck und als mitzählende Bildungsmittel des Lebensin Betracht zu ziehen. Immerhin wird man zuzugeben haben,dass es unzählige aus den Künsten heraustretende private und ge-sellige Genüsse giebt, die unter einander und mit den Naturge-nüssen, endlich mit der moralischen und religiösen Befriedigungzur grösstmöglichen harmonischen Leistung zu combiniren alsAufgabe gestellt werden kann, nur dass man den ästhetischen Ge-sichtspunct einer solchen Aufgabe nicht obenan zu stellen hat. Dasaber vermeidet man eben durch Vermeidung des Ausdrucks Kunstdafür.

Will man versuchen, aus dem Begriffe der Kunst heraus Re-geln für die Ausübung der Kunst zu geben, so muss man im Augehalten, dass ihr Begriff überhaupt nur das Ziel aber nicht dieWeise, wie dazu zu gelangen, bestimmt; und versucht man, ausder Natur der Menschen und Dinge diese Regeln mit Hinblick aufdiess Ziel zu schöpfen und das Allgemeinste darüber zu sagen,was Alles erschöpft und woraus Alles zu schöpfen, so findet manbald, es ist nicht in einem Satze zu sagen. Doch scheint mirmindestens betreffs der bildenden Kunst das Wesentlichste sichin folgende wenige Regeln zusammenfassen zu lassen:

1) Eine werthvolle, mindestens interessirende, ansprechendeIdee zur Darstellung zu wählen. 2) Diese ihrem Sinne oder Ge-halte nach möglichst angemessen und deutlich für die Auffassungim Sinnlichen auszuprägen. 3) Unter gleich angemessenen unddeutlichen Darstellungsmitteln die vorzuziehen, die schon ohne