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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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Krankhafte Persönlichkeiten.

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die volle Größe der vorliegenden Störung deutlich. Allmählichsind daher auch alle Personen, die sein Treiben genauer zu be-obachten Gelegenheit hatten, zu dieser Auffassung gelangt. Offen-bar handelt es sich um eine von Jugend auf bestehende Haltlosig-keit des Willens, die das Fehlen jeder Ausdauer, jedes Wider-standes gegen Verführungen zur Folge hat. Wie es scheint, sindbei dem Kranken diejenigen Beweggründe, die aus den sittlichenGefühlen entspringen, nicht zur Ausbildung gelangt. Er fühlt nichtdie Unwürdigkeit, ja nicht einmal die Widerwärtigkeiten seinerLebensführung, denkt eher mit einem gewissen Wohlbehagen anseine Abenteuer zurück, läßt sich nicht durch die Rücksicht aufseine Eltern, auf seine eigene Zukunft in seinem Handeln bestimmen,sondern nur durch augenblickliche Gelüste.

Mit dieser kurzsichtigen Selbstsucht verbindet sich ein ge-hobenes Selbstgefühl, gänzlicher Mangel an Mitgefühl mit anderen,die der Kranke gern zur Zielscheibe seiner Neckereien macht, end-lich gelegentlich starke Reizbarkeit, die ihn, namentlich unter demEinflüsse des Alkohols, wiederholt zu schweren Gewalttaten ge-trieben hat. Diese letztere Eigenschaft könnte an eine epileptischeGrundlage des Leidens denken lassen, um so mehr, als der Krankezeitweise wochenlang ein ganz geregeltes Leben führte, und als erfrüher zweimal Ohnmachtsanfälle gehabt haben soll*). Jedenfallsist aber seine krankhafte Haltlosigkeit, die es ihm unmöglich ge-macht hat, eine seiner sonstigen Begabung entsprechende Lebens-stellung zu erringen, nicht etwa eine Erscheinungsform der Epi-lepsie, sondern ein Erzeugnis der Entartung. Doch dürfen wir dar-auf hinweisen, daß sich Andeutungen epileptoider Störungen nichtganz selten bei entarteten Persönlichkeiten auffinden lassen.

In noch merkwürdigerer Weise mischt sich die krankhafteUnfähigkeit zu geordneter Tätigkeit mit ungewöhnlichen Anlagenbei einem 30jährigen Schauspieler, der uns vor 3 Wochen zuge-führt wurde, weil er einer Prostituierten unter falschem Nameneinen Brillantring abgeschwindelt hatte. Er hatte sich denselben

*) Der Kranke befand sich zunächst noch einige Zeit in einer großenAnstalt, wo er in unregelmäßigen Zeiträumen reizbare Verstimmungen zeigte,die immerhin an die Erfahrungen bei Epileptikern erinnern könnten. Vorfast 3Jahren ging er im Einverständnis mit seinen Eltern nach Amerika, woer mit Unterstützung seinen Lebensunterhalt durch Klavierspiel erwirbt.